Der künstlerische Entstehungsprozess der Mysteriendramen

"Die Erscheinung wurde immer heller, und die sieben Farben gingen allmählich in schwaches Gold und schwaches Violett über. Und immer heller leuchtete das Gebilde, und immer mächtiger wurde das Licht, bis es sich in den hellsten Himmelskörper, die Sonne, verwandelte. In der Mitte dieser Sonne erschien - in der jeweiligen Sprache des betreffenden Volkes - der Name des Christus. Für den Menschen, der diese Feier mitgemacht hatte, galt das bedeutsame Wort: Er hat die Sonne um Mitternacht gesehen. Das heißt, ein Sinnbild des geistigen Schauens ist ihm erschienen." (Lit.: GA 97) [weiter ...]
Die Pforte der Einweihung, 2. Bild
Die Pforte der Einweihung, 2. Bild

Die Darsteller der Mysteriendramen waren von Rudolf Steiner selbst aufgefordert worden, sich zu beteiligen. Nur vier waren in der Rezitationskunst ausgebildet und überhaupt nur drei von ihnen waren schon als Schauspieler tätig gewesen. Alle anderen waren Laienspieler im besten Sinn des Wortes, die sonst im Leben in den verschiedensten Berufen standen und in nur wenigen Wochen lernen mussten, diese auch für Theaterprofis schweren Rollen zu bewältigen. Erschwerend kam hinzu, dass Rudolf Steiner den Text seiner Dramen vielfach Bild für Bild erst unmittelbar vor Probenbeginn niederzuschreiben begonnen hatte. „Es wäre ja Unsinn“ meinte er, „ein Drama zu schreiben, bevor es sich um eine Aufführung handelt.“ Und so schrieb er spät in der Nacht noch die Texte, die jeweils am nächsten Tag geprobt werden sollten. So ähnlich muss es wohl auch Shakespeare mit seiner Theatertruppe gemacht haben. Rudolf Steiner erweist sich hier als genialer Theaterpraktiker. Viel Schlaf konnte Steiner zu dieser Zeit nicht finden und oft blieb sein Bett ganz unberührt, doch war er stets in einer frischen, beschwingten Stimmung. Alexander Strakosch schrieb dazu:

„Rudolf Steiners Tage und – wie erwähnt – auch die Nächte waren von intensiver Tätigkeit erfüllt, doch war es nicht jenes beängstigende Übermaß an Arbeit und Sorge, wie in den letzten Zeiten, sondern es herrschte um ihn die harmonische Beschwingtheit, welche das künstlerische Schaffen verleiht, wenn es sich wirkend entfalten kann. Er wurde nicht von außen gedrängt durch Menschen oder Verhältnisse oder bedrückt durch Sorgen. Alle waren bestrebt, seine Instruktionen auszuführen, seinen Anregungen zu folgen.“ (Lit.: Strakosch)

Natürlich musste Rudolf Steiner, bevor er die Dramen niederschreiben konnte, ein Grundkonzept entwerfen, dem die Handlung folgen sollte, aber der eigentliche Text entstand aus den unmittelbaren Erfahrungen der Probenarbeit. Anfangs mussten sich die Darsteller die Texte, die fein säuberlich in gut leserlicher Handschrift mit Bleistift geschrieben waren, noch selbst abschreiben. Maximilian Gümbel-Seiling schreibt in seinen Erinnerungen an die Probenarbeiten zu den Münchner Mysterienspielen:

„Am Vormittag erschien Dr. Steiner und las uns jeweils aus seinem Heft das neu entstandene Bild vor. Manchmal schrieben wir uns aus diesem Heft selbst unsere Rollen ab. Die Bleistiftschrift war deutlich und klar. Bald unterzog sich Dr. Elisabeth Vreede der Mühe, die fertigen Szenen für uns auf der Schreibmaschine abzuschreiben. Er las mit zurückgehaltenem Pathos, aber deutlicher Charakterisierung. Während der Proben gab er sparsame Winke. Selten machte er es uns auf der Bühne vor. Dann aber bekam man den Eindruck einer konkreten Persönlichkeit und bemerkte, daß es ihm Freude machte, seinen Gestalten Haltung, Ton, Gebärde zu verleihen.“ (Lit.: Seiling)

Johannes und Maria (Die Pforte der Einweihung, 1. Bild)
Johannes und Maria (Die Pforte der Einweihung, 1. Bild)

Später wurde das Ganze noch professioneller organisiert, indem ein Druckerlehrling pünktlich um 5 Uhr morgens Rudolf Steiners Vorlage abholte und die fertigen, praktisch noch feuchten Druckbögen rechtzeitig zum Probenbeginn ablieferte. Wie dann die Probenarbeit ablief, davon hat Alice Fels in ihren Erinnerungen von den Proben zu „Der Seelen Erwachen“ ein lebendiges Bild gezeichnet:

"Um 10 Uhr vormittags trafen alle Teilnehmer im Probenraum ein. Zunächst las Rudolf Steiner mit starker Intonierung und dezidiertem Betonen des Rhythmus das in der Nacht Neuerstandene vor. Dann verteilte er den noch druckfeuchten Text an die Träger der verschiedenen Rollen und ließ ihn so oft lesen und spielen, bis sich die verschiedenartigen Menschen aufeinander abgestimmt hatten. Er leitete die Arbeit derart, daß er niemals die Spieler unterbrach und „verbesserte“, sondern dieselbe Szene wieder und wieder vorsprach und vorspielte mit allen mimischen Nuancen und so oft spielen ließ, bis er mit den Schauspielern zufrieden war. Wesentlich schien ihm dabei, die Stimmung, die Atmosphäre eines Bildes zu übermitteln – gewaltig wirkte es, wie er die beiden Bilder im Geistgebiet vorlas. Er stellte sich während des Lesens auf einen Stuhl, und im schwingenden Rhythmus der Verse fühlte sich der Zuhörer mitgetragen in die Weltenweiten. Die Erde wurde einem gleichsam sachte unter den Füßen weggezogen, während die Jamben mit ungeheurer Wucht, stark beschwingt und dabei in strahlender Helle dahinströmten." (Lit.: Fels)

Ähnliches berichtet auch Oskar Schmiedel von den Proben zur „Pforte der Einweihung“:

"Einen ganz besonders starken Eindruck machte es, wenn Dr. Steiner einzelne Rollen vorspielte; er tat dies mit einer schauspielerischen Kunst und Kraft, die es den Spielern schwer machte, in ihrer eigenen Darstellung dem einigermaßen nachzukommen. Ganz unvergeßlich ist mir z. B., wie Rudolf Steiner die Szene vorspielte, in der Strader vor dem von Thomasius gemalten Bild des Capesius steht. Mit einer Eindringlichkeit spielte Rudolf Steiner, daß wir alle, die wir dies miterleben durften, erschüttert waren und eine tiefe Stille danach längere Zeit im Saale herrschte." (Lit.: Schmiedel)

Dass es durch den schrittweisen Entstehungsprozess der Dramen von Probentag zu Probentag auch kein vorgefertigtes Regiekonzept geben konnte ist klar. Wenn schon das Drama selbst von Tag zu Tag entstand, so musste noch mehr die Regie selbst direkt aus dem lebendigen Probengeschehen herauswachsen. Die künstlerische Inspiration für das Stück selbst und für seine dramatische Umsetzung auf der Bühne fließt hier aus einer Quelle, die durch das gemeinsame Tun und Empfinden während der Proben geöffnet wird. In diesem Sinne sind die Akteure, die Schauspieler, die Bühnenmaler und sonstigen Helfer durchaus aktiv schöpferisch mitbeteiligt am Zustandekommen des Werkes, das dann schließlich über die Bühne gebracht wurde. Durch eine tätige Gemeinschaft von Menschen können sich immer höhere geistige Kräfte offenbaren, als das durch einen Einzelnen möglich ist – selbst wenn er ein hoher Eingeweihter ist. Das mindert keineswegs die Leistung Rudolf Steiners, sondern gab ihm im Gegenteil erst die Möglichkeit, seine Fähigkeiten voll auszuschöpfen.

Die Pforte der Einweihung (11. Bild), Goetheanum 1995, Foto: Hansruedi Clerc
Die Pforte der Einweihung (11. Bild), Goetheanum 1995, Foto: Hansruedi Clerc

Die Mysteriendramen Steiners sind, wie jedes echte Kunstwerk, kein Produkt des planenden Verstandes, sondern ein Ergebnis der frei gestaltenden künstlerischen Phantasie. Dahinter steht echte Inspiration, wie Steiner am Beispiel seines ersten Mysteriendramas, Die Pforte der Einweihung, verdeutlicht:

"... das siebente Bild meines ersten Mysteriendramas, ist nicht aus den Gedanken herausgestaltet, da ist auch niemals irgendeine innerliche Frage gewesen: Wie soll man ein Wort wählen? - Sondern dieses Bild ist gehört, so wie es ist. Es ist einfach gehört, so wie es ist. Es gab gar keine Gedanken, es gab nur Worte, und man schrieb die im Geiste gehörten Worte aufs Papier. Es ist also schon als Wortgestaltung, als Wort erlebt, nicht als Gedanke.

So ist es bei mancherlei Szenen in diesem Mysterium. Aber man muß für so etwas wiederum ein Gefühl entwickeln. Man muß für das spirituell Lebendige des Wortes die Empfindung erleben, dann wird es wieder möglich sein, das echt Künstlerische der poetischen Gestaltung zu empfinden." (Lit.: GA 282, S 123f)

Mehr noch als bei anderen Kunstwerken versagt hier jede glatte rationale Ausdeutung. Gegen eine solche hat sich auch Steiner selbst stets energisch verwahrt:

"Mir war es immer etwas außerordentlich Unsympathisches, wenn der eine oder der andere gekommen ist und meine Mysteriendramen in symbolischer oder sonstiger verstandesmäßiger Weise ausgedeutet hat und allerlei gerade vom Verstande aus hineingetragen hat. Denn das, was in diesen Mysteriendramen lebt, ist bis auf den einzelnen Laut hin imaginativ erlebt. Das Bild steht als Bild da und stand immer als Bild da. Und niemals wäre es mir selber eingefallen, irgend etwas Verstandesmäßiges zugrunde zu legen, um es dann ins Bild umzugestalten." (Lit.: GA 281, S 67)

Es macht darum auch wenig Sinn, Steiners Mysteriendramen im herkömmlichen Sinn "verstehen" zu wollen. Im bloßen Lesen wird man ihren tieferen Sinn nicht erfassen. Wohl werfen sie manche entscheidende Lebensfragen auf, aber auf diese gibt es keine geradlinige rationale Antwort. Doch wenn man sich auf ein volles Erleben der Bilder einlässt und sie lebendig zu sich sprechen lässt, wird nach und nach eine befriedigende Lösung sichtbar werden - die Bilder selbst führen zur Antwort. Und erst im unmittelbaren Erleben des gesprochenen, künstlerisch gestalteten Wortes wird der Weg frei zum direkten Verstehen im Hören, ohne dass sich dabei ein gesonderter Gedankenprozess störend dazwischen schiebt.