Der Seelen Erwachen

Zweites Bild

Johannes und der Geist von Johannes Jugend
Johannes und der Geist von Johannes Jugend

Gebirgslandschaft; im Hintergrund das Haus Hilarius’, das in der Nähe des Werkes gedacht ist. Doch wird das Werk nicht gesehen. Ein Wasserfall auf der rechten Seite. (Johannes auf einem Felsensitz; für ihn nicht sichtbar Capesius; Benedictus, Maria; Lucifer; Geistwesen, Seelenkräfte; die Seele der Theodora; der Geist von Thomasius’ Jugend.)

Thomasius will seine Seele jetzt nicht mit Erkenntnisfragen quälen und gibt sich ganz der Schönheit der ihn umgebenden Landschaft hin. In seinen träumenden Gedanken sehnt er sich nach Maria, abgelegte Seelenwünsche werden wieder wach:

Sie lebt als Geist in mir, auch wenn sie fern;
Sie denkt in meinem Denken, wenn ich mir
Des Wollens Ziele vor die Seele rufe.

Da erscheint Maria wie ein objektivierter Gedanke vor Johannes Seele, doch vermag er ihr geistig strenges Antlitz kaum zu ertragen. Ihr Bild schwindet, um sogleich wieder noch nachdrücklicher zu erscheinen. Sie mahnt ihn:

Maria, so wie du sie schauen willst,
Ist sie in Welten nicht, wo Wahrheit leuchtet.
In Truges Reichen webt Johannes' Geist,
Vom Seelenwahn verführt; - befreie dich
Von Wunschesmächten, welche dich verlocken.

Johannes erkennt, dass hier die wahre Maria spricht, und dass in seinen Seelentiefen ein fremdes Wesen lebt, das ihn verlocken will. Dies Wesen will er fliehen: „Ich will Johannes schauen ohne dich.“ Doch Benedictus, der nun als Gedankenwesen an Marias Seite sichtbar wird, gemahnt ihn, dass er dieses Wesen künftig in sein eignes Wesen integrieren muss:

Du selbst gewinnst dich nur, wenn du von ihm
Dich mutig willst stets mehr besitzen lassen.

Maria will Johannes mit ihren Kräften beistehen, doch sei sie nur in jenen kalten Eisgefilden zu finden, „wo Geister sich das Licht erschaffen müssen, wenn Finsternisse Lebenskräfte lähmen.“ Und eindringlich warnt sie ihn, sie nicht dort zu suchen, „wo abgelebtes Seelenleben sich aus Wahneswesen flüchtig Sein erlistet.“ Doch wie schön und beseligend ist dieser Wahn für Johannes. Nur aus ihm glaubt er seine Schaffenskräfte als Künstler schöpfen zu können – und verborgen möge bleiben, was man nur bewusst in Weltenhöhen schauen kann.

Unbemerkt von Johannes hat Capesius dessen inneren Seelenkampf in geistiger Schau miterlebt. Noch ist Capesius nicht klar, ob er Wahrheit oder nur eigenen Seelenwahn geschaut hat, denn „nur selten darf der Geistesforscher doch der andern Seelen Sein in sich erschauen!“ Er spricht Thomasius darauf an und dessen Schaudern bestätigt ihm das Erlebte.

In diesem Augenblick tritt Maria hinzu. Sie ist überrascht, Capesius hier zu sehen, wähnte sie ihn doch bereits ganz den Plänen von Hilarius hingegeben. Doch davon will Capesius im Hochgefühl seiner neu erwachten Geisteskräfte jetzt nichts mehr wissen. Er fürchtet, dass ihn jede Erdenwirksamkeit seiner neuen Seherkräfte berauben könnte. Während er in kurzes Sinnen verfällt, schaut Maria die Wirkung Luzifers in Capesius Seele. Geistig Geschautes in Worte und Begriffe zu kleiden, müsste, wie Capesius empfindet, ihm jede Geistesschau verdunkeln. Und auch Johannes glaubt nach dem Erlebten nicht mehr, dass er für Hilarius Pläne wirken könne – zu stark fühlt er sein altes Wunschesleben, in sich wirken. Auch ihn fesselt Luzifer. Maria weist darum Johannes Seherblick auf die Welt der Elementarwesen. Mit diesen Schatten, Schemen und Dämonen soll er vergleichen, was ihm aus abgelebten Zeiten dämmert. Er werde dann erkennen, dass ihn dies Wesen aus den eigenen Seelentiefen nicht zwingen, sondern dass er es aus Geisteshöhen frei beherrschen könne. Widerwillig lauscht Johannes dem Chor der Gnomen und Sylphen. Dann erscheinen auch die Seelenkräfte Philia, Astrid und Luna zugleich mit der andren Philia. Johannes verfällt in tiefes Sinnen und nichts bleibt in seinem wirren Bewusstsein haften als die letzten Worte der andren Philia:

Und wachendes Träumen
Enthüllet den Seelen
Verzaubertes Weben
Des eigenen Wesens.

Was in seiner Seele webt, verdichtet sich nun zum Bild. Luzifer erscheint, links von ihm der Geist von Johannes Jugend und rechts Theodora. Der Geist von Johannes Jugend fleht:

Verlierst du mich in dir, muß ich in Schmerzen
Den grausen Schatten schlimme Dienste leisten -;
Du Pfleger meines Seins, verlaß mich nicht. -

Luzifer will Johannes schöpferischen Geist ganz an dieses Schattenwesen binden. Dem tritt Theodora entgegen. Sie will liebevoll den Geist von Johannes Jugend mit den Elementarmächten verbünden. So könne er dem Zauberbann Luzifers entrinnen, mit Erdengeistern Formen bilden und mit Feuerseelen Kräfte strahlen und Johannes die Dienste leiten, die ihm wertvoll sind.

Während Luzifer, Theodora und der Geist von Johannes Jugend verschwinden, tritt die andre Philia wieder heran. Sie wiederholt ihre zuletzt gesprochenen Worte: „Und wachendes Träumen …“ Sie macht Johannes klar, dass der Schatten seiner Jugend zwar nur ein Spiegelbild ist, das sich in seiner Seele schemenhaft vor die wahre Geistesschau schiebt, solange er noch nicht reif für diese ist:

Doch Bild, das lebt und sich im Leben hält,
Solang du noch ein abgelebtes Sein
In dir bewahrst, das du betäuben zwar,
Doch jetzt fürwahr noch nicht besiegen kannst. -
Johannes, dein Erwachen bleibt ein Wahn,
Bis du den Schatten selbst erlösen wirst,
Dem deine Schuld verzaubert Leben schafft.