Der Seelen Erwachen

Drittes Bild

Romanus
Romanus

Die Landschaftsszenerie wie im zweiten Bilde.

(Magnus Bellicosus, Romanus, Torquatus und Hilarius so kommend von der rechten Seite, daß das Folgende, das sie im Stehen sprechen, sich denken läßt wie die Fortsetzung eines Gespräches, das sich schon vorher auf ihrem Spaziergang geführt haben. Es nimmt für die Teilnehmer einen so wichtigen Inhalt an, daß sie stehen bleiben. Später: Capesius, Strader, Felix und Felicia Balde; Benedictus, Ahriman; Maria)

Bellicosus, Romanus und Torquatus besprechen sich über die Pläne des Hilarius. Bellicosus unterstützt diese rückhaltlos. Romanus hingegen zweifelt, ob die Geistesschüler des Benedictus schon reif genug sind, ihr Geisteswissen der rauen äußeren Wirklichkeit einzuprägen, doch fühlt er sich durch Schicksalsmächte mit Strader so eng verbunden, dass er mit ihm vereint den Weg zur Umgestaltung des Erdenlebens wagen würde. Unbemerkt erscheint indessen Ahriman im Hintergrund und verschwindet sogleich wieder. Auch Torquatus ist skeptisch, da sich Capesius von Benedictus und seinem Schülerkreis abgewandt hat. Das werfe zudem trübe Schatten auf Benedictus eignes Urteilsvermögen, der Capesius für reif befunden hatte. Und Strader hält er für völlig ungeeignet, da „ihm zur Mystik die rechte Seelenstimmung gänzlich fehlt.“ Romanus will Hilarius in seinen Bestrebungen unterstützen, wenn er sich Strader zur Seite stellt, jedoch die anderen Geistesschüler des Benedictus von seinem Werk ferne hält. Doch Hilarius bezweifelt, dass sich Strader von Benedictus‘ Schülern trennen werde.

Während die vier abtreten, erscheinen von der anderen Seite Capesius, Strader und Felix und Felicia Balde. Capesius bleibt bei seinem Entschluss, sich nicht weiter mit äußerem Wirken zu belasten. Nur für den inneren Pfad der Mystik fühlt er sich gerüstet, denn deutlich ist ihm bewusst, dass er vom Weltensein nur so viel schauen kann, als er davon in seinem Eigensein genießen kann – und das taugt nicht dazu, zu schaffen, was andern frommt. Felix Balde stimmt ihm zu. Verehrungsvoll in tiefer Frömmigkeit müsse man die Geistesschau im Herzen ruhen lassen:

Das ist die Mystenstimmung. - Wer sie weckt,
Der führt sein Innres hin zum Lichtesreich.
Das äußre Werk verträgt nicht solche Stimmung.

Und deutlich empfindet Capesius, dass er sich die „Geistesschau durch Wunsch nach äußrer Tat verdorben hatte.“

Strader fühlt sich den beiden stark verbunden und doch zugleich durch einen tiefen Abgrund getrennt, denn ihm ersteht die Geistesschau nur dann, wenn er sich Tatgedanken widmen darf. Doch was ist Wahrheit und was ist Irrtum? Die tiefe Seelenpein führt Strader zur Geistesschau. Als seine Gedankenformen zwar, doch im wirklichen Geistverkehr, erscheinen ihm zuerst Benedictus mit Ahriman und dann Maria. Benedictus rät ihm, in den Abgrund zu blicken, den Capesius und Felix zwischen sich und ihm aufgerissen haben – und auch Ahriman drängt ihn dazu. Strader tut es und schaut einen Kampf, in dem Schemen und Schattenwesen, Finsternis erzeugend, wild aufeinander stürzen - bis schließlich Maria aus dem Abgrund hervortritt und ihn auffordert, die Schatten mit seinem eigenen Licht zu erhellen. Doch Strader verstrahlt nur Finsternis, weil er, wie Maria ihm vorhält, zu feige ist, sein eignes Licht zu strahlen und lieber träumend im Selbstgenuss versinkt:

Wo ist dein Licht? - Du strahlest Finsternis. -
Erkenne deine Finsternis - um dich -,
Du schaffst ins Licht die wirre Finsternis.
Du fühlest sie, wenn du sie schaffst durch dich;
Doch fühlest du dein Schaffen niemals dann.
Vergessen willst du deine Schaffensgier.
Unwissend waltet sie in deinem Wesen,
Weil du zu feige bist, dein Licht zu strahlen.
Genießen willst du dieses Eigenlicht.
Du willst dich selber nur in ihm genießen.

Benedictus lenkt Straders Blick nach rechts auf die bläulichroten Schatten, die Felix locken und nach links auf die roten und gelben, die sich zu Capesius drängen - doch vermag er nicht die Schatten hinter Strader selbst zu schauen, wie Ahriman diesem zynisch zuruft. Die Worte von Wahn und Wahrheit, die der Bürochef im ersten Bild zu ihm gesprochen hatte, kommen Strader wieder in den Sinn. Maria zeigt ihm noch, wie Felix und Capesius im Kampf mit den Schatten ihr Geistesschwert härten, doch würden diese Schwerter für ihn nicht taugen – er müsse sein eigenes Schwert schmieden. Damit verschwinden die Gestalten und Strader kehrt aus seiner Geistesschau zurück.

Felix und Capesius beharren auf der strengen Trennung von mystischer Geistesschau und äußerem Wirken. Sie nicht trennen, meint Felix, wäre so töricht als wollte Felica ihre Märchenwesen auf Puppenbühnen tanzen lassen – doch Felica sieht das ganz anders. Im Geiste sieht sie schon tausend Puppenspiele „den Weg in Kinderstuben eifrig suchen.“