Der Seelen Erwachen

Sechstes Bild

Das Geistgebiet
Das Geistgebiet

Geistgebiet in der gleichen Art wie im vorigen Bilde. Die Beleuchtung warm und nuanciert, doch nicht zu hell. (Links stehen die Sylphen. Vorne Philia, Astrid, Luna. Straders, Capesius’, Romanus’ Seele; die andre Philia mit Theodoras und Frau Baldes Seele; später: Benedictus’ und Marias Seele; der Hüter; Lucifer mit Johannes’ Seele; zuletzt der Geist von Johannes’ Jugend.)

Im Geistgebiet steigen nun die Seelen in die Saturnzeit auf. Mit Hilfe der Seele des Romanus erkennt Capesius in dem nachwirkenden Bild von Straders Seele den Juden Simon wieder, der ihm in seiner mittelalterlichen Inkarnation, die in der Rückschau des zweiten Mysteriendramas enthüllt wurde, begegnet war. Doch schon drängt sich in Gestalt eines Büßers die Seele Felix Baldes heran, dessen Seelenstrahlen sich brennend in Capesius Seelenhülle bohren. «Mein lieber Kühne, ihr erwieset euch stets treu ...», so tönen ihm seine eigenen Worte aus dieser Seele entgegen, die ihm in die tiefsten Seelengründe zu schauen vermag. Diese Seele, so erkennt Capesius, muss er suchen, um sich selbst zu finden.

Während Capesius Seele verschwindet, erscheint von links die andre Philia mit Theodoras Seele und hinter ihr die Seele von Frau Balde in Gestalt einer Büßerin. Die andre Philia, die Seelen durch die Liebe sich stets zum Führer erwerben, schreitet ihnen voran. Romanus sieht, wie der Sanftmut Licht von Thodoras Seele zu Frau Balde fließt. Das ganze Bild erstrahlt im Glanz der Schönheit, die hier im Geisterland als Weisheit lebt. Das ist zugleich der Widerschein der Sehnsucht, die Torquatus aus seinen Seelenhüllen zu Romanus hinüberstrahlen lässt und in diesem Milde und Mitgefühl erweckt, die dieser aus seinem eigenen harten Sinn niemals erwerben könnte. Bellicosus ruft seine beiden Geistesbrüder auf, ihr Geistgehör für Theodoras Worte zu öffnen. Theodora bittet ihre treue Geistgefährtin, die andre Philia, die Liebe ihrer Seelenhülle Felix Balde zuzuströmen und so der Einsamkeit verzehrende Feuerkraft zu mildern und ihm Gedankenstrahlen von den Sylphen hinzulenken, sodass „aus ihrem Glimmerglanzesschaffen den Menschenseelen Wachstums-Werdesinn im Erdenleben sich erkraften möge.“ Und Felicia Baldes Seele will ihm die Kräfte zutragen, die sie von Stern zu Stern im Weltall wandelnd für ihn sammeln will.

In Theodoras Seele hallen die Worte des Rosenkreuzerspruches wider, der auch im dritten Mysteriendrama der Wahlspruch der mittelalterlichen Tempelritter gewesen war:

«Aus Gottessein erstand die Menschenseele;
Sie kann in Wesensgründe sterbend tauchen;
Sie wird dem Tod dereinst den Geist entbinden.»

Während diese Worte in ihrer Seele ertönen, erscheinen Luzifer und Johannes Thomasius Seele, der in der vorangegangenen Inkarnation als Bergwerksmeister Thomas ihr Bruder gewesen war. Was sie ihm an Bruderliebe geben konnte, das will ihr die andre Phila nun zur Seelenkraft verwandeln, gestärkt mit dem Glimmerlicht der Sylphen. Frau Baldes Seele soll nun ihre Schritte zu den Sternen lenken, wo gute Dämonen ihrer Werke harren, aus dem sie Phantasie in Seelen strahlen und so im Erdenleben beflügeln. Geführt von Frau Baldes Seele verschwindet langsam Felix Baldes Seele. Theodora blickt noch für einen Augenblick auf Johannes Seele, dann entschwindet sie ebenfalls. Zuletzt entfernt sich Johannes Seele mit Luzifer. Und Romanus Seele erkennt:

Daß wir an diesem Geistesorte jetzt
Das Wort der Liebe mit dem Wort des Schaffens
Zum Bund sich einen sahen, dies erkraftet
In unserm Wesen Keime, deren wir
Im spätern Erdensein bedürftig werden.

Dann ziehen sich die Seelen von Romanus, Torquatus und Bellicosus zurück und an der Seite des Hüters der Schwelle erscheinen die Seelen des Benedictus und der Maria. Der Hüter ruft sie dazu auf, ihre Weltenmitternacht im gereiften Licht Saturns wachend zu erkennen. Wachend! - Marias Seele weiß, dass sie hier im schnellsten Zucken heller Blitze Schicksalsnotwendigkeiten überschauen soll und dass in Weltengründen Donnerworte dumpf verrollen und verrollend jeden Seelenwahn bedrohen.

Benedictus vernimmt aus ewig leeren Eisgefilden Johannes Schicksalsruf, der nun wieder an der Seite Luzifers erscheint. Maria sieht Flammen sich mit ihrem eignen Denken nahen. In Johannes Seele kämpft ihr eignes Denken mit Luzifers Gedanken. Maria soll Luzifers heißes Weltenlicht erkennen und die Blitze schauen, die ihr eigenes Denken aus Luzifers Gewaltenkreisen schlägt.

Johannes fühlt die Nähe der anderen Seelen, doch kann er sie nicht schauen. „Du wirst sie schauen, wenn du schnell ergreifst, was sie im Weltenlichte selbst erleuchten“, mahnt ihn Philia. Und Benedictus ruft Maria auf, die Willenskraft aufzubringen, in ihrer jetzigen Form die Erdenkraft erstehen zu lassen – dann werde ihr Wort der Freundesseele leuchten. Alle Liebe, die Maria zu ihrem Geisteslehrer Benedictus in sich trägt, legt sie in die Worte, die sie in Johannes Seele tönen lässt. Beide, Maria und Benedictus, sollen jetzt in seiner Seele friedvoll verweilen. Und während der mahnende Donner zur Weltenmitternacht verrollt, gibt der strenge Hüter der Schwelle im Hinblick auf Johannes Seele Astrid das ernste Gebot:

Bewahre dieses Seelen-Ungewitter,
Bis ihre nächste Weltenmitternacht
Im Strom der Zeit die Seele wachend findet.
Sie soll dann anders vor sich selber stehn, —
In ältrer Zeiten Bild ihr Selbst erschauen,
Erkennen, wie zum Geisteshöhenflug
Die Schwingen auch im Seelensturz erstarken.
Es darf die Seele niemals stürzen wollen;
Doch muß sie Weisheit aus dem Sturze holen.

So will es Astrid tun und Marias Seele fühlt dabei die Sternenseligkeit, die sie im Strom der Zeit betreten darf. Im Gnadewalten will sie schaffend mit ihrer langverbundenen Seelenschwester leben, während Luna ihr Schaffen hier im Geiste hütet. So wird Maria ihre Erinnerungen an die Weltenmitternacht im folgenden Erdenleben fruchtbar machen können.

Einen von Seligkeiten leuchtenden und Gnade strahlenden Seelenstern sieht Johannes nahen. Es ist der Geist von Johannes Jugend. Er nährt Johannes Wünsche mit Leben und kraftet leuchtend in seinen Jugendzielen, doch zu den wesenlosen Schatten müsste er versinken, sollte Johannes ihn verlassen. „Verlass mich nicht!“, ruft er Johannes zu. Dafür will Luzifer sorgen und damit zugleich die innige Seelenverbindung zwischen Johannes, Maria und Benedictus stören.

Er wird dich nicht verlassen, - ich erschaue
In seines Wesens Tiefen Lichtbegierden,
Die nicht der andern Seele Spuren folgen. -
Wenn diese mit dem Glanz, den sie erzeugen,
Im Seelengrunde sich zum Sein erkraften,
Wird er die Früchte, die sie zeugen müssen,
In jenem Reiche nicht vergeuden wollen,
Wo Liebe ohne Schönheit herrschen will.