Der Hüter der Schwelle

Sechstes Bild

Das Reich des Lucifer und Ahriman. Ein Raum, der nicht von künstlichen Wänden begrenzt, sondern von baumartig geformten sich verschlingenden Gewächsen und Gebilden eingeschlossen ist, die sich ausweiten und Ausläufer ins Innere senden. Das Ganze durch Naturvorgänge wild bewegt und zuweilen stürmisch erfüllt. Capesius und Maria sind auf der Szene, wenn der Vorhang aufgeht. Dann kommen Benedictes, Philia, Astrid, Luna, die andre Philia, Lucifer, Ahriman und die tanzartig sich bewegenden Wesen, welche Gedanken darstellen,zuletzt Frau Baldes Seele.

Im geistigen Erleben, losgelöst vom Sinnesleib, vernehmen Capesius und Maria die Stimme Benedictus: „In deinem Denken leben Weltgedanken.“ Unverständlich erscheinen Capesius hier diese Worte, obwohl er sie im irdischen Erleben schon aus dem Lebensbuch des Benedictus kennt. Und unverständlich sind ihm auch die nächsten Worte: „In deinem Fühlen weben Weltenkräfte.“ Maria hingegen begreift, dass sie lernen muss, die Weltenschrift zu lesen. Das „wird, wenn ich zum Erdensein mich wende, Gedanke sein, der mir im Nach-Erdenken im Seelen-Innern als Erkenntnis leuchtet.“ Capesius vermag zwar leibbefreit, doch nicht gedankenfrei im Geistgebiet zu schauen und kommt darum nicht an die wahre Wesenheit heran. Jetzt muss er lernen, das eigene Denken außer sich zu schauen. Philia, Astrid und Luna geben den Anstoß, dass die Gedanken sich zu Bildern formen. Luzifer und Ahriman erscheinen, umgeben von Wesen, die mit tanzartigen Bewegungen ihre Gedankenformen darstellen. Sie verschwinden wieder und während die drei Seelenschwestern das Erlebte in Worte fassen, beginnt Capesius zu begreifen.

Die Seele, sie erlebt sich innerlich;
Sie glaubt zu denken, weil sie nicht Gedanken
Im Raume vor sich hingestellt erschaut.
Zu fühlen glaubt sie, weil Gefühle nicht
Wie Blitze aus den Wolken zuckend leuchten;

[…]

Sie sieht nicht Lucifer, aus dem Gedanken
Entsprießen und Gefühle sich ergießen -
So kann sie sich allein mit ihnen glauben.

Von Luzifer! - Capesius schaudert vor dieser Einsicht. Doch mehr noch schauert ihm vor der Tiefe, auf die ihn nun Maria verweist, denn dort droht die finstre Furcht aus Ahrimans Bereich. Luzifer konnte für andere stets nur Vorbild, aber niemals ein Herrscher über Wesen sein. Ahriman sollte den Menschen Stärke geben, doch nicht zu viel, und wurde darum in Abgrundtiefen verbannt. Was Capesius als seine Eigenheit sich träumte, das schaut er nun außer sich und so ist ihm der Weg eröffnet, auf dem er sich selbst finden kann.

Frau Balde schließt daran ein Märchenbild: Es war einmal ein helles Götterkind, das wuchs heran, gepflegt vom Wahrheitvater, und blickte oft voll Mitgefühl zur Erde, wo die Menschen nach der Wahrheit dürsten. Und da der Wahrheitvater den Menschen, die atmend auf der Erde leben, selbst sein Wahrheitslicht nicht geben konnte, so sandte er sein helles Götterkind, die Phantasie der Menschen zu beflügeln. Doch eines Tages traf das Wesen einen Mann, der sprach: „Du webst in Menschengeistern nur wilde Träume und betrügst die Seelen.“ Und seit dieser Zeit verleumden viele Menschen dieses Wesen, das Licht in Atemseelen bringen kann.

Zuletzt erscheinen in einer Lichtwolke Philia, Astrid und Luna und die andre Philia.