Der Hüter der Schwelle

Siebentes Bild

Goetheanum 2010 Foto: Jochen Quast
Goetheanum 2010 Foto: Jochen Quast

Eine Landschaft aus Phantasieformen. Majestätisch in ihrer Zusammensetzung aus wirbelnden Wassermassen, die sich zu Gestalten formen auf der einen Seite, aus lodernden Feuerwirbeln auf der andern Seite. In der Mitte ein Erdschlund, aus dem Feuer sprüht, das sich wie zu einem Tore auftürmt, welches sich vor einem aus Feuer und Wasser sich gestaltenden gebirgsartigen Gebilde befindet. Der Hüter, Thomasius, Maria, später Lucifer, dann die andre Philia.

Ungestümes Wünschen stürmender Menschenseelen ruft den Hüter der Schwelle herbei, denn unreife Seelen muss er zur Erde zurück verweisen. Begleitet von Maria erscheint Thomasius. An dem strengen Hüter vorbei will er sich zu Theodora drängen, die er jenseits der Schwelle weiß, doch dieser hält ihn zurück:

Du mußt dich trennen erst von vielen Kräften,
Die du im Erdenleibe dir erworben.
Behalten kannst du doch von ihnen nur,
Was sich in geistig reinem Streben dir
Erschlossen und auch rein verblieben ist.
Doch dieses hast du selbst von dir geworfen
Und Ahriman als Eigentum gegeben.
Was dir jetzt noch erhalten, das hat dir
Für Geisteswelten Lucifer verdorben.
Ich muß es an der Schwelle dir benehmen,
Wenn du gerecht sie überschreiten willst.
So bleibt dir nichts; - ein wesenloses Wesen,
Das wirst du sein, wenn du dich geistig findest.

„Doch werd' ich sein und Theodora finden“, entgegnet Thomasius. Maria tritt ihm hilfreich zur Seite. Durch ihre Opfertat und Liebe wird sie Johannes die Kraft verleihen, dass ihm die Erkenntnis, die von Luzifer in Menschenseelen strömt, nicht schaden kann.

Da schaut Johannes einen würdevollen Greis. In jungen Jahren war dieser ein tapferer Krieger gewesen, ruhmbegierig und voll Ehrgeiz, wohl oft auch grausam und unerbittlich, bis sich das Kriegsglück von ihm gewendet hatte und er schmachbeladen in seine Heimat geflohen war. Und nachdem er Stolz und Ruhmbegierde endlich überwunden hatte, schloss er sich, schon im Greisenalter, einem kleinen Schülerkreis an, den ein weiser Lehrer um sich gebildet hatte. Voll warmer Liebe fühlt sich Johannes der Seele dieses Greises zugetan. „Was sich hier an diesem Orte jetzt offenbart, ist Prüfung deiner Seele“, eröffnet ihm der Hüter: „Erkenne, wer die Menschenseele ist, zu der du dich in heißer Liebe neigst, und die den Leib bewohnte, den du schaust.“ Auch Luzifer tritt nun hinzu:

Johannes vermeint zu erkennen, dass es Theodora war, die sich ihm im Bild des Greises offenbaren wollte. Und damit öffnet ihm der Hüter den Weg über die Schwelle: „Ich kann dir nicht verwehren, was du mußt.“ Nur die andre Philia warnt:

O höre nicht den strengen Hüter,
Er führet dich in Lebensöden
Und raubet dir die Seelenwärme;
Er kann nur Geisteswesen schauen
Und kennt nicht Menschenleiden,
Die Seelen nur ertragen,
Wenn Erdenliebe sie bewahrt
Vor kalten Weltenweiten.