Der Hüter der Schwelle

Seelenvorgänge in szenischen Bildern

Siegelbild Rudolf Steiners zu "Der Hüter der Schwelle"
Dramensiegel

tl_files/hueter/Hueter_Programmheft.jpgist das dritte von Rudolf Steiner verfasste Mysteriendrama. Die Uraufführung fand am 24. August 1912 im Gärtnerplatz-Theater in München statt.

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Personen, Gestalten und Vorgänge

Die geistigen und seelischen Vorgänge der Menschen, welche in dieser szenischen Bilderfolge «Der Hüter der Schwelle» gezeichnet sind, stellen eine Fortsetzung derjenigen dar, welche in den früher von mir erschienenen Lebensbildern «Die Pforte der Einweihung» und «Die Prüfung der Seele» erschienen sind. Sie bilden mit diesen ein Ganzes.

Im «Hüter der Schwelle» treten folgende Personen und Wesen auf:

I. Die Träger des geistigen Elements:
1. Benedictus Führer des Sonnentempels und Lehrer einer Anzahl von Personen, die im «Hüter der Schwelle' vorkommen. (Der Sonnentempel wird nur in der «Pforte der Einweihung» und in der «Prüfung der Seele' erwähnt.) Willi Grass
2. Hilarius Gottgetreu Großmeister eines Mystenbundes. (War in früherer Inkarnation in der «Prüfung der Seele» als Großmeister einer Geistesbruderschaft dargestellt.) Thomas Wünsch
3. Johannes Thomasius Schüler des Benedictus Helmut Jahelka
     
II. Die Träger des Elements der Hingabe:
4. Magnus Bellicosus genannt German («Pforte der Einweihung»), der Präzeptor des Mystenbundes. Peter Ponta
Günther Edelmayr
5. Albert Torquatus genannt Theodosius (in der «Pforte der Einweihung»), Zeremonienmeister des Mystenbundes. Andrea Nutz
6. Professor Capesius   Ernst Horvath
 
III. Die Träger des Willens-Elementes:
7. Friedrich Trautmann  genannt Romanus (in der «Pforte der Einweihung»), Zeremonienmeister des Mystenbundes. (Wiederverkörperung des zweiten Zeremonienmeisters der Geistesbruderschaft in der «Prüfung der Seele».) Wolfgang Schaffer
8. Theodora eine Seherin. (Bei ihr ist das Willens Element in naives Sehertum umgewandelt.) Christine Kowol
9. Doktor Strader   Florian Dubois
 
IV. Die Träger des seelischen Elementes:
10. Maria Schülerin des Benedictus Margherita Ehart
11. Felix Balde   Franz Dietl
12. Frau Balde   Helga Freihsl
 
V. Wesen aus der Geisteswelt:
Lucifer   Christine Kowol
Ahriman   Peter Ponta
Günther Edelmayr
 
VI. Wesen des Menschlichen Geisteselementes:
Der Doppelgänger des Thomasius   Wolfgang Peter
Die Seele der Theodora   Christine Kowol
Der Hüter der Schwelle   Nikolina
Philia Die geistigen Wesenheiten, welche die Verbindung der menschlichen Seelenkräfte mit dem Kosmos vermitteln Anna Maria Jonny
Astrid Elisabeth Wagner
Luna   Nikolina
Mariana Spacek
Die andre Philia die geistige Wesenheit, welche die Verbindung der Seelenkräfte mit dem Kosmos hemmt; in "Der Seelen Erwachen" erweist sie sich als die Trägerin des Elementes der Liebe in der Welt, welcher die geistige Persönlichkeit angehört. Andrea Nutz
Die Stimme des Gewissens    
 
Diese Geisteswesen sind nicht allegorisch oder symbolisch gemeint, sondern als Realitäten, die für Geisteserkenntnis vollkommen gleichgestellt sind physischen Personen.
 
1. Ferdinand Reinecke (6. Bauer) Wolfgang Peter
2. Michael Edelmann (3. Bauer) Wolfgang Schaffer
3. Bernhard Redlich (2. Bauer) Peter Ponta
4. Franziska Demut (2. Bäuerin) Christine Kowol
5. Maria Treufels (3. Bäuerin); tritt in "Der Seelen Erwachen" als Pflegerin des Doktor Strader auf. Brigitta Schadeck
6. Luise Fürchtegott (4. Bäuerin) Elisabeth Wagner
7. Friedrich Geist (4. Bauer); tritt in "Der Seelen Erwachen" als Sekretär des Hilarius Gottgetreu auf Wolfgang Schaffer
8. Caspar Stürmer (1. Bauer) Thomas Wünsch
9. Georg Wahrmund (5. Bauer) Peter Ponta
10. Marie Kühne (1. Bäuerin) Anna Maria Jonny
11. Hermine Hauser (5. Bäuerin) Anna Maria Jonny
12. Katharina Ratsam (6. Bäuerin) Christine Kowol
     
(Dies sind Wiederverkörperungen der 12 Bauern und Bäuerinnen der «Prüfung der Seele».)

Kurzinhalt

Der Strader-Apparat: Skizze von Oskar Schmiedel
Der Strader-Apparat: Skizze von Oskar Schmiedel

Zwölf noch ungeweihte Personen sollen ihre Kräfte mit denen des von Hilarius geleiteten Mystenbundes vereinen. Die Zeit scheint dazu reif, seit Johannes Thomasius allgemein verständliche Schriften über grundlegende geistige Wahrheiten veröffentlicht hat, die weithin großes Interesse finden. Auch Felix Balde und Doktor Strader, der durch eine neue Erfindung Technik und Geistesstreben miteinander zu versöhnen hofft, sind berufen. Straders revolutionärer Apparat soll, wie dieser hofft, "der Technik Kräfte so verteilen, dass jeder Mensch behaglich nutzen kann, was er zu seiner Arbeit nötig hat im eignen Heim, das er nach sich gestaltet."

Thomasius selbst steht seinem eigenen Werk kritisch gegenüber. Zwar habe er geistige Wahrheiten ausgesprochen, doch stünde er seit der Trennung von Maria unter dem immer stärker wirkenden Einfluss Luzifers, und das würde ihn und auch sein Werk letztlich verderben. Dies nicht erkannt zu haben, sei ein unverzeihlicher Fehler des Mystenbundes.

Die auf Marias Seelenkraft gerichtete Begierde hat Johannes zwar überwunden, doch Luzifer hat diese nun auf Theodora gelenkt, die seit sieben Jahren Straders Gattin ist. Das verzehrt Theodoras Seele so sehr, dass sie schließlich völlig entkräftet stirbt – und selbst im Jenseits könnte Johannes ihre Seele noch erreichen. Das darf niemals geschehen, ehe er nicht seine Leidenschaft für Theodora vollkommen überwunden hat.

Maria, die vor Luzifers Thron gelobt hat, alle Eigenliebe aus ihrem geistigen Streben zu tilgen, kann Johannes nun hilfreich zur Seite stehen. Sie führt ihn vor den Hüter der Schwelle. In der Gestalt eines edlen Greises, erfüllt von allen Seelenkräften, nach denen er sich sehnt, glaubt Johannes die Seele Theodoras jenseits der Schwelle zu erblicken. Doch dann erkennt er plötzlich – er ist es selbst! Und damit erlischt auch die Begierde nach Theodoras Seele.

Wie zweigespalten fühlt sich Johannes fortan in seinem ganzen Wesen. In einem Teil sieht er sich durch Marias und Benedictus Hilfe ganz fest und sicher auf sich selbst gestellt und was er hier sich geistig errungen hat, darf er willig andern reichen. Doch darf darin nichts von jenem andern Teil sich störend mischen, der erst ganz am Anfang wahrer Selbsterkenntnis steht.

Strader steigt indessen in das Reich Ahrimans hinab und kann die Erinnerungen an das dort Erlebte ins wache Tagesleben mitnehmen. Dadurch lernt er Ahrimans Wirken kennen.

Weil er bewusst vor Luzifers Thron gestanden hat und dessen notwendiges Wirken jenseits von Gut und Böse schauen konnte, hat auch Capesius einen großen Fortschritt seiner Entwicklung gemacht.

Trotz aller Unvollkommenheiten sind die Geistesschüler des Benedictus damit als reif befunden, ihre geistige Arbeit zu einer höheren Einheit zu verbinden. Von nun an sollen sie die Aufgaben von Benedictus Tempelbrüdern übernehmen und so Neues zu dem Alten fügen, während jene zu höherem Wirken aufsteigen können. Und auch Felix und Felica Balde, die auf naturhafte Weise den Weg zum Geistigen gefunden haben, können ihre Kräfte mit denen der Tempelbrüder verbinden, denn die Zeichen der Zeit verkünden deutlich, dass alle geistigen Wege sich in einem neuen Mysterienwesen künftig vereinen sollen.

Inhalt

Erstes Bild

Ein Saal in indigoblauem Grundton. Er ist als Vorsaal gedacht zu den Räumen, in denen ein Mystenbund seinen Arbeiten obliegt. In freier Unterredung sind zwölf Personen anwesend, welche in der einen oder andern Art an den Bestrebungen des Mystenbundes Interesse nehmen. Außerdem: Felix Balde und Doktor Strader. Die Bilder stellen Ereignisse dar, welche etwa dreizehn Jahre nach der Zeit liegen, in welcher die «Pforte der Einweihung» spielt.

Zwölf Personen, ungeweiht, aber tatkräftig im Leben stehend, sind berufen, ihre Kräfte mit denen des Mystenbundes zu vereinen, dies sei eine geistige Forderung der Zeit. Ferdinand Reinecke sieht diesem Unterfangen jedoch höchst skeptisch entgegen, ein blinder Handlanger der ihm überheblich erscheinenden Mysten will er nicht sein. Michael Edelmann hält entgegen, dass die Taten des Bundes bezeugen, dass sie aus guten Quellen schöpfen. Vorsicht scheint Bernhard Redlich hier die erste Pflicht; wenn sich der Mystenbund vernünftige Ziele setzt, könne man sich ihm anschließen. Franziska Demut setzt hinzu, dass lange schon wahres Geisteslicht von solchen Weiheorten ströme und man das Herz dafür öffnen solle. Maria Treufels sieht wohl, dass sich in diesen Tagen vieles wandeln müsse, doch von den Mysten erhofft sie dafür wenig. Mehr verspricht sie sich von Menschen wie Doktor Strader, die mit Genie und Fertigkeit tatkräftig im Leben stehen. In Straders Werkstatt stünden jetzt schon im Kleinen solche Wunderdinge, die im Großen alle Technik revolutionieren würden. Strader selbst schildert nun, wie er schon fast resignierend hinnehmen wollte, dass alle technische Entwicklung sich der Geistentfaltung feindlich zeigen müsse. Doch im Laufe seiner Versuche seien ihm wie zufällig Gedanken aufgestiegen, die in eine ganz andere Richtung wiesen.

Es reihte dann Versuch sich an Versuch,
bis endlich der Zusammenklang von Kräften
auf meinem Arbeitstische sich ergab,
der einst in seiner vollen Ausgestaltung
rein technisch jene Freiheit bringen wird,
in welcher Seelen sich entfalten können.
Nicht weiter wird man Menschen zwingen müssen,
in enger Arbeitsstätte würdelos
ihr Dasein pflanzenähnlich zu verträumen.
Man wird der Technik Kräfte so verteilen,
dass jeder Mensch behaglich nutzen kann,
was er zu seiner Arbeit nötig hat
im eignen Heim, das er nach sich gestaltet.

Strader erläutert seine Erfindung.Und das sei auch der Grund, warum er dem Ruf Bruderschaft der Rosenkreuzer folgen wolle. Auch Felix Balde, der in Einsamkeit und Beschaulichkeit der Mystik Schüler geworden ist, will sich gerne dem Mystenbund anschließen.

Luise Fürchtegott merkt an, dass man sich jedenfalls ganz auf das eigene Urteil stützen müsse und nicht blindem Glauben verfallen dürfe und Friedrich Geist setzt hinzu, dass jeder Mensch den Trieb verspüren solle, die Wege der Mysten wirklich zu verstehen.

Ferdinand Reinecke gemahnt, dass sie alle nicht ohne Grund hier zusammengerufen worden wären. Thomasius, einst selbst Geistesschüler, fände nun selbst bei manch ernsten Forschern Beifall für Schriften, die den Schein der Logik borgen und doch nur Mystenschwärmerei enthalten. Die Mysten würde nun bloß fürchten, dass Thomasius ihnen den Rang streitig macht. Und Caspar Stürmer ist überhaupt empört dass diese Mystenschule immer noch so kühn die Menschenführung fordern wolle; gerade an Thomasius könne man doch klar sehen, wie wenig all diese Mystenkunst tauge und bedrückend sei es, dass selbst ein so heller Kopf wie Doktor Strader dem Mystenwahn geneigt sich zeigen kann. Georg Wahrmund schmerzen solche Worte, denn immer schon sei alles Wahrheitslicht von solchen Weiheorten geflossen und die Zeit fordere, dass dies nun in neuer Art geschehe – Thomasius sei ein großes Werk gelungen. Und Maria Kühne fügt kritisch hinzu dass Thomasius volle Anerkennung gebühre, weil er dem Denken jene Freiheit gegeben habe, die Mystenschulen ihm verwehren wollen. Hermine Hauser setzt hinzu, dass Thomasius einst als Überwinder dieser alten Mystenströmung gelten werde.

Strader hingegen betont, dass er den Mysten voll vertraue, denn auch ohne eingeweiht zu sein, könne er deutlich fühlen, dass in den Weiheorten Götterseelen den Menschenseelen liebend sich erschließen. Katherina Ratsam kann diesen Worten nur beipflichten; die Mysten hielten längst nicht mehr ihr ganzes Weisheitslicht streng verborgen und viele Menschen könnten schon fühlen, wie dieses Licht in ihren Seelen Kräfte weckt, die früher unbewusst im Innern schliefen.

Dreimaliges Klopfen verkündet das Nahen der Herren des Weiheortes und Felix Balde ist überzeugt, dass die kraftvolle Wirkung der Eingeweihten nun deutlich für sich selber sprechen werde, worauf Reinecke nur meint, dass viele schon auf manch mystisches Getue hereingefallen seien.

Wieder klopft es dreimal, dann tritt der Großmeister des Mystenbundes, Hilarius Gottgetreu, ein. Ihm folgen Magnus Bellicosus, der zweite Präzeptor, Albert Torquatus, der erste Zeremonienmeister, und Friedrich Trautmann, der zweite Zeremonienmeister.

Friedrich Trautmann begrüßt die Anwesenden. Die Zeit sei reif, dass Mystenpfade sich mit allgemeinem Menschensinn verbinden. Möglich sei dies geworden, weil nun ein Mensch gekommen sei, der das Wissen, das auf Vernunft und Sinn allein gegründet ist, in solche Formen brachte, die vermögend sind, die Geisteswelten wirklich zu begreifen. Eben dieses sei Johannes Thomasius gelungen und dadurch könne ein Band echten Verständnisses zwischen Geweihten und Ungeweihten geknüpft werden. Magnus Bellicosus fügt hinzu, dass Thomasius dafür im Dienst der Menschheit sein Künstlerdasein geopfert habe. Dann ergreift Großmeister Hillarius Gottgetreu das Wort. Der Gnade hoher Geistesmächte seien die Weisheitsschätze zu verdanken, die jeder wahre Mystenbund treu bewahre. Nun sollen diese Schätze auch den hier versammelten ungeweihten Menschen zugänglich gemacht werden, worauf Ferdinand Reinecke nur lakonisch entgegenhält, dass dies Werk durch eigne Kraft sich wirksam zeigen werde, wenn es enthält, was Menschenseelen brauchen.

Zweites Bild

Derselbe Raum wie im vorigen Bilde. Er ist von den Personen,die zu Anfang in ihm versammelt waren, verlassen. Anwesend sind: Hilarius Gottgetreu, der Großmeister, Magnus Bellicosus, der zweite Präzeptor, Albert Torquatus, der erste Zeremonienmeister, Friedrich Trautmann, der zweite Zeremonienmeister, Maria, Johannes Thomasius; von den zu Anfang versammelten Personen sind nur geblieben: Felix Balde, Doktor Strader.

Wichtiges habe Thomasius durch sein Werk geleistet, meinen die Ordensmeister, und durch den Orden solle es nun „fruchtbar werden in allen Welten, die des Menschen Kraft dem Weltenwerden dienstbar machen können.“ Eine Meinung, die auch Felix Balde und Strader vollauf teilen. Doch Thomasius gebietet ihren Lobreden Einhalt. Ahriman habe ihm die Augen geöffnet über den wahren Wert seiner Schöpfung. Luzifer habe er sich gewidmet, ehe er sein Werk begann, und während ihn dieser mit den schönsten Bildern aus dem Geistgebiet begabte, ließ er unbemerkt in ihm die wildesten Triebe reifen. Noch schliefen sie in unbewussten Tiefen, doch die Zeit werde kommen, wo sie unausweichlich sein ganzes Wesen ergreifen. Zwar läge in seinem Werk viel Wahres, das überzeugend zur Vernunft sprechen könne, doch eben darin liege die größte Gefahr, denn man kann das Werk nicht von seinem Schöpfer trennen und er selbst werde es künftig verderben durch die bösen Kräfte, die Luzifer in ihm wachsen ließ.

Friedrich Trautmann scheint es unbegreiflich, wie Johannes dies alles wissen könne und dennoch glauben könne, dass er dem Schlechten nicht entrinnen werde. Mutig müsse er vernichten, was ihm schädlich werden könnte. Doch das zeigt Johannes nur, dass die Ordensbrüder nicht nach den wahren Weltgesetzen urteilen. Jetzt könne er noch widerstehen, doch das was Luzifer in ihn gelegt hat, würde zu solch überwältigender Stärke anwachsen und ihm das Geisteslicht verdunkeln, dass er sein Werk mit Freuden Ahriman hinopfern werde. Dies nicht erkannt zu haben, sei ein schwerer Irrtum des Ordens, der noch viel schwerwiegendere Folgen hätte für die ganze Welt als seine persönliche Verfehlung, die durch das Karma seinen Ausgleich finden könne. Das habe dem Bund das Recht genommen, auch ferner noch die Weihedienste zu leiten.

Hilarius Gottgetreu mit Bellicosus, Torquatus und Trautmann verlassen daraufhin rasch den Saal, ebenso Doktor Strader und Felix Balde. Es bleiben nur Maria und Thomasius an ihren Plätzen. Nach einer kurzen Pause treten die drei Geistgestalten Philia, Astrid und Luna in einer Lichtwolke auf und gruppieren sich so, dass sie zunächst Maria verdecken. Im Geisterlebnis vernimmt Thomasius ihre Worte und sie gehen über in die Worte, die dann Maria auch äußerlich spricht. Sie dürfe nun wieder als Gefährtin seiner Seele an seiner Seite stehen. Was Johannes bisher an geistigen Einsichten gewonnen habe, er müsse es verlieren, um es in neuer Art wiederzugewinnen. Oft schon sei er an den strengen Hüter der Schwelle herangekommen, doch noch nie an ihm vorbeigekommen. Johannes müsse erwarten, was sich ihm offenbaren werde, wenn er an ihrer Seite die Schwelle nicht nur betreten, sondern auch überschreiten werde.

Drittes Bild

Im Reiche des Lucifer. Ein Raum, der nicht durch künstliche Wände begrenzt ist, sondern durch pflanzen- und tierähnliche und sonstige Phantasieformen. Links der Thron des Lucifer. Zuerst sind anwesend: Die Seele des Capesius und Maria. Nach einiger Zeit erscheint Lucifer. Später treten auf Benedictus, Thomasius mit seinem ätherischen Ebenbilde (Doppelgänger), dann Theodora.

Im Reich Luzifers begegnet Maria der Seele des Capesius, der sich im irdischen Leib wie in einem Kerker fühlt, der ihm den freien Blick in die Geisteswelt verdunkelt. Maria hält ihm entgegen, dass der Mensch nur im Erdenleib die Kraft zum wesenhaften «Ich» erfühlen könne, um dadurch Keime zu pflanzen, die einst im Weltenwerden zu Blüten und zu Früchten werden müssen. Doch Capesius gemahnt sie nur daran, dass sie ihm durch ihr Karma vieles schulde und von Luzifer die Tilgung dieser Schuld erbitten möge.

Nachdem Capesius abgegangen ist erscheint Luzifer. Johannes habe sich von Benedictus losgesagt und seiner Führung anvertraut. Noch habe Johannes sein wahres Wesen nicht erkannt, aber durch ihn werde er die Seherkraft erlangen, und kein Wort dürfe Maria hier sprechen, das sich auf Johannes beziehe. Hier, wo Worte Taten sind, müssten Luzifer solche Worte brennen. „Du musst sie hören“, wirft ihm Benedictus entgegen, denn „getan ist schon, was Lucifer bezwingt.“ Maria sei seine wahre Geistesschülerin und sie werde Johannes durch ihre heilenden Liebekräfte wieder in ihren Bereich ziehen. Und so erzwingt Maria, dass Johannes mit seinem ätherischen Doppelgänger vor dem Thron Luzifers erscheinen kann. Was Johannes selbst noch nicht schauen kann, müsse Luzifer nun dem Doppelgänger offenbaren und dieser würde Johannes belehren. Durch das reine Denken, das sich Johannes errungen hat, hat sich der Doppelgänger mittlerweile gewandelt. Johannes habe seine Leidenschaft überwunden und gefahrlos könne er Maria wieder nahen. Doch das will Luzifer nicht zulassen, denn nur kaltes Wissen würde dann Johannes entwickeln und alles warme Eigensein in ihm wie wesensleer und tot erscheinen. Die Leidenschaft für Maria sei überwunden, doch lieben werde er, prophezeit Luzifer, mit all der Kraft und Leidenschaft, mit der er sie einst liebte. Und mit diesen Worten wird Theodora hervorgerufen und ihre Nähe entflammt den Doppelgänger zu heftiger Leidenschaft - und diese werde auch Johannes ganz ergreifen.

Nur der hohe Opferwille Marias kann dem entgegenwirken.

Doch wisse, in dem Herzen, das Maria
in dieser Stunde dir entgegenstellt,
hat Geistesschülerschaft die Kraft belebt,
von allem Wissen stets die Eigenliebe
entfernt zu halten. Niemals will ich künftig
von jener Seligkeit mich finden lassen,
die Menschen fühlen, wenn Gedanken reifen.
Zum Opferdienst will ich das Herz mir rüsten,
dass stets mein Geist nur denken kann, um denkend
des Wissens Früchte Göttern hinzuopfern.

Was dann in ihrem Innern wirke, könne kraftvoll auf Johannes überströmen. Weisheit konnte Luzifer dem Menschen bringen, die Liebe müsse ihm aus Götterreichen fließen. „Ich werde kämpfen“, schleudert ihr Luzifer entgegen. „Und kämpfend Göttern dienen“, setzt Benedictus hinzu.

Viertes Bild

Ein Zimmer in rosenrotem Grundton. Es gehört zum Heim Straders und Theodoras, die Straders Gattin ist. Man sieht der Einrichtung an, daß Theodora und Strader hier im gemeinsamen Raume verschiedenartige Arbeiten verrichten. Auf seinem Tische finden sich Modelle von Mechanismen, auf dem ihren mancherlei auf Mystik Bezügliches. Die beiden sind in einem Gespräch, das eine Art gemeinsame Versenkung am siebenten Jahrestage ihrer Ehe darstellt.

Die erste Begegnung mit Theodora hatte Strader gezeigt, wie sich der Geist in einem Menschen über solche Dinge zu offenbaren sucht, die seinem eigenen Erkenntnisstreben verschlossen bleiben mussten. An Thomas konnte er die Früchte der Geistesschülerschaft erleben. Doch all dies raubte ihm den Glauben an Vernunft und Wissenschaft und so wandte er sich der Technik zu, um sich zu betäuben. Aus diesem zerquälten Dasein wurde er erst durch die zweite Begegnung mit Theodora gerissen. Durch Felix Baldes weise Führung waren ihre Seherkräfte damals zu hoher Kraft gereift. Dass ihm diese lichte Geistesbotin vom Schicksal als Gefährtin vorbestimmt sein könnte, ahnte er da noch nicht, doch als es ihm Gewissheit wurde, ergoss sich helles Licht in seine Seele, das seine Arbeit bedeutsam befruchtete – selbst dann noch, als ihre Offenbarungen schließlich nicht mehr kamen. Sorge bereitet ihm nur, dass der Verlust der Seherkraft Theodora tiefe Schmerzen bereiten könnte. Doch das konnte Theodora gelassen auf sich nehmen - aber nun seien diese Kräfte auf neue, schmerzvolle Weise wieder erwacht, begleitet von Furcht, die sie beherrscht, und hassen müsse sie nun alles, was sich offenbart. Und während sie in abgerissenen Worten weiterspricht, tritt ihr beängstigend das Bild von Thomasius vor die Seele und Strader erinnert sich schmerzlich der Worte, die dieser im Mystenbund gesprochen hatte.

Fünftes Bild

Ein Zimmer in jenem Waldhäuschen, das in der «Prüfung der Seele» als Baldes Heim angegeben ist. Frau Balde, Felix Balde, Capesius, Strader, später die Seele Theodoras.

Die unberechtigte Begierde, mit der Thomasius Theodora bedrängte und dadurch immer brennendere Furcht in ihre Seele goss, hat sie so sehr geschwächt, dass sie gestorben ist. Gemeinsam mit Strader gedenken Capesius und die Baldes ihrer. Capesius schildert, dass Theodora wie brennendes Feuer in ihrer Seele miterlebt habe, wie Luzifer durch falsche Liebesmacht Thomasius an sie gebunden hatte und wie das ihr Leben aufgezehrt hätte. Strader schmerzen diese Worte und wie grausam sei es, wenn dies Wahrheit wäre. Da erscheint Theodoras Seele. Sie bestätigt Capesius Worte, setzt aber gleich hinzu, dass Thomasius nicht fallen dürfe. Maria habe in ihrem starken Herzen schon die Opferkraft entzündet, die ihn retten könne, doch dürfe Johannes durch seine bereits entwickelten Seherkräfte Theodora nicht in den Geisterreichen wiederfinden, ehe er seine falsche Begierde nach ihr vollkommen überwunden habe. Dazu bittet sie um Straders Hilfe - und auf Capesius deutend verschwindet sie. Dieser gibt nun weitere Aufklärung. Mit Thomasius Hilfe wolle Luzifer das Geisteslicht, das sich Theodora offenbare, für sich erbeuten und dadurch die Wissenschaft, die sich Thomasius durch Erdenkräfte hat erwerben können, für immer in sein Reich bannen. Die Früchte dieser Wissenschaft gingen dann der geistigen Welt verloren. Strader könne dies aber verhindern, wenn es ihm gelänge, das Erdenwissen geistig so zu verwandeln, dass es sich dem Götterwissen nähern könne – doch dazu müsse Strader Geistesschüler des Benedictus werden.

Sechstes Bild

Das Reich des Lucifer und Ahriman. Ein Raum, der nicht von künstlichen Wänden begrenzt, sondern von baumartig geformten sich verschlingenden Gewächsen und Gebilden eingeschlossen ist, die sich ausweiten und Ausläufer ins Innere senden. Das Ganze durch Naturvorgänge wild bewegt und zuweilen stürmisch erfüllt. Capesius und Maria sind auf der Szene, wenn der Vorhang aufgeht. Dann kommen Benedictes, Philia, Astrid, Luna, die andre Philia, Lucifer, Ahriman und die tanzartig sich bewegenden Wesen, welche Gedanken darstellen,zuletzt Frau Baldes Seele.

Im geistigen Erleben, losgelöst vom Sinnesleib, vernehmen Capesius und Maria die Stimme Benedictus: „In deinem Denken leben Weltgedanken.“ Unverständlich erscheinen Capesius hier diese Worte, obwohl er sie im irdischen Erleben schon aus dem Lebensbuch des Benedictus kennt. Und unverständlich sind ihm auch die nächsten Worte: „In deinem Fühlen weben Weltenkräfte.“ Maria hingegen begreift, dass sie lernen muss, die Weltenschrift zu lesen. Das „wird, wenn ich zum Erdensein mich wende, Gedanke sein, der mir im Nach-Erdenken im Seelen-Innern als Erkenntnis leuchtet.“ Capesius vermag zwar leibbefreit, doch nicht gedankenfrei im Geistgebiet zu schauen und kommt darum nicht an die wahre Wesenheit heran. Jetzt muss er lernen, das eigene Denken außer sich zu schauen. Philia, Astrid und Luna geben den Anstoß, dass die Gedanken sich zu Bildern formen. Luzifer und Ahriman erscheinen, umgeben von Wesen, die mit tanzartigen Bewegungen ihre Gedankenformen darstellen. Sie verschwinden wieder und während die drei Seelenschwestern das Erlebte in Worte fassen, beginnt Capesius zu begreifen.

Die Seele, sie erlebt sich innerlich;
Sie glaubt zu denken, weil sie nicht Gedanken
Im Raume vor sich hingestellt erschaut.
Zu fühlen glaubt sie, weil Gefühle nicht
Wie Blitze aus den Wolken zuckend leuchten;

[…]

Sie sieht nicht Lucifer, aus dem Gedanken
Entsprießen und Gefühle sich ergießen -
So kann sie sich allein mit ihnen glauben.

Von Luzifer! - Capesius schaudert vor dieser Einsicht. Doch mehr noch schauert ihm vor der Tiefe, auf die ihn nun Maria verweist, denn dort droht die finstre Furcht aus Ahrimans Bereich. Luzifer konnte für andere stets nur Vorbild, aber niemals ein Herrscher über Wesen sein. Ahriman sollte den Menschen Stärke geben, doch nicht zu viel, und wurde darum in Abgrundtiefen verbannt. Was Capesius als seine Eigenheit sich träumte, das schaut er nun außer sich und so ist ihm der Weg eröffnet, auf dem er sich selbst finden kann.

Frau Balde schließt daran ein Märchenbild: Es war einmal ein helles Götterkind, das wuchs heran, gepflegt vom Wahrheitvater, und blickte oft voll Mitgefühl zur Erde, wo die Menschen nach der Wahrheit dürsten. Und da der Wahrheitvater den Menschen, die atmend auf der Erde leben, selbst sein Wahrheitslicht nicht geben konnte, so sandte er sein helles Götterkind, die Phantasie der Menschen zu beflügeln. Doch eines Tages traf das Wesen einen Mann, der sprach: „Du webst in Menschengeistern nur wilde Träume und betrügst die Seelen.“ Und seit dieser Zeit verleumden viele Menschen dieses Wesen, das Licht in Atemseelen bringen kann.

Zuletzt erscheinen in einer Lichtwolke Philia, Astrid und Luna und die andre Philia.

Siebentes Bild

Goetheanum 2010 Foto: Jochen Quast
Goetheanum 2010 Foto: Jochen Quast

Eine Landschaft aus Phantasieformen. Majestätisch in ihrer Zusammensetzung aus wirbelnden Wassermassen, die sich zu Gestalten formen auf der einen Seite, aus lodernden Feuerwirbeln auf der andern Seite. In der Mitte ein Erdschlund, aus dem Feuer sprüht, das sich wie zu einem Tore auftürmt, welches sich vor einem aus Feuer und Wasser sich gestaltenden gebirgsartigen Gebilde befindet. Der Hüter, Thomasius, Maria, später Lucifer, dann die andre Philia.

Ungestümes Wünschen stürmender Menschenseelen ruft den Hüter der Schwelle herbei, denn unreife Seelen muss er zur Erde zurück verweisen. Begleitet von Maria erscheint Thomasius. An dem strengen Hüter vorbei will er sich zu Theodora drängen, die er jenseits der Schwelle weiß, doch dieser hält ihn zurück:

Du mußt dich trennen erst von vielen Kräften,
Die du im Erdenleibe dir erworben.
Behalten kannst du doch von ihnen nur,
Was sich in geistig reinem Streben dir
Erschlossen und auch rein verblieben ist.
Doch dieses hast du selbst von dir geworfen
Und Ahriman als Eigentum gegeben.
Was dir jetzt noch erhalten, das hat dir
Für Geisteswelten Lucifer verdorben.
Ich muß es an der Schwelle dir benehmen,
Wenn du gerecht sie überschreiten willst.
So bleibt dir nichts; - ein wesenloses Wesen,
Das wirst du sein, wenn du dich geistig findest.

„Doch werd' ich sein und Theodora finden“, entgegnet Thomasius. Maria tritt ihm hilfreich zur Seite. Durch ihre Opfertat und Liebe wird sie Johannes die Kraft verleihen, dass ihm die Erkenntnis, die von Luzifer in Menschenseelen strömt, nicht schaden kann.

Da schaut Johannes einen würdevollen Greis. In jungen Jahren war dieser ein tapferer Krieger gewesen, ruhmbegierig und voll Ehrgeiz, wohl oft auch grausam und unerbittlich, bis sich das Kriegsglück von ihm gewendet hatte und er schmachbeladen in seine Heimat geflohen war. Und nachdem er Stolz und Ruhmbegierde endlich überwunden hatte, schloss er sich, schon im Greisenalter, einem kleinen Schülerkreis an, den ein weiser Lehrer um sich gebildet hatte. Voll warmer Liebe fühlt sich Johannes der Seele dieses Greises zugetan. „Was sich hier an diesem Orte jetzt offenbart, ist Prüfung deiner Seele“, eröffnet ihm der Hüter: „Erkenne, wer die Menschenseele ist, zu der du dich in heißer Liebe neigst, und die den Leib bewohnte, den du schaust.“ Auch Luzifer tritt nun hinzu:

Johannes vermeint zu erkennen, dass es Theodora war, die sich ihm im Bild des Greises offenbaren wollte. Und damit öffnet ihm der Hüter den Weg über die Schwelle: „Ich kann dir nicht verwehren, was du mußt.“ Nur die andre Philia warnt:

O höre nicht den strengen Hüter,
Er führet dich in Lebensöden
Und raubet dir die Seelenwärme;
Er kann nur Geisteswesen schauen
Und kennt nicht Menschenleiden,
Die Seelen nur ertragen,
Wenn Erdenliebe sie bewahrt
Vor kalten Weltenweiten.

Achtes Bild

Das Reich Ahrimans. Dunkler schluchtartiger Raum, begrenzt von Gebirgen, die aus schwarzen Gesteinsmassen in phantastischen Formen aufgetürmt sind und überall Gerippe zeigen, die wie aus der Gebirgsmasse, aber weiß, herauskristallisieren. Ahriman an einem Abhang. Hilarius, Friedrich Trautmann; dann die zwölf im ersten Vorgang versammelten Personen, dann Strader, später Thomasius und Maria; der Hüter und zuletzt der Doppelgänger des Thomasius.

Trautmann und Hilarius erscheinen im Reich Ahrimans. Trautmann graut vor dieser Welt des Todes, die er schon oft betreten hat. Doch wenn der Mystenbund Keime für die Zukunft pflanzen wolle, setzt Hilarius hinzu, so müsse er dazu Samen aus dem Toten holen, denn was sich im Erdenleben abgebraucht hat, wird hier zu neuem Sein gewandelt. Da wird mit verstellter Stimme Ahriman hörbar:

Da ihr Thomasius verloren glaubt,
So scheint euch Strader nun der rechte Mensch,
Der für den Mystenbund euch dienen soll.
Was er aus Kräften, die natürlich wirken,
Dem Menschenfortschritt hat erobern dürfen,
Er dankt es mir; denn ich gebiete da,
Wo Kräfte, die mechanisch brauchbar sind,
Aus Schöpferquellen Stärke sich erwerben.

Trautmann zweifelt, ob daraus Gutes fließen kann, und nicht weniger zweifelt er an der klaren Einsicht seines Meisters Hilarius. Und nachdem die beiden abgegangen sind, höhnt Ahriman:

Sie sehen mich und kennen mich doch nicht;
Denn wüßten sie, wer hier Gebieter ist,
Sie wären, Weisung suchend, wahrlich nicht
Hierher gekommen;

Es treten nun die zwölf Personen auf, die im ersten Bild des Dramas im Vorsaal des Mystenbundes versammelt waren, doch wird deutlich, dass sie das Reich Ahriman nur blind betreten. Was sie sprechen, sind Worte, die zwar in ihrer Seele leben, von denen sie aber doch nichts wissen. Sie erleben unbewusste Träume im Schlafe, die in Ahrimans Reich hörbar werden. Strader jedoch, der ebenfalls kommt, ist halbbewusst in Bezug auf alles, was er erlebt, so dass er sich später wird daran erinnern können. Verwundert sieht er sich in diesem Todesreich, in das ihn der Wink Benedictus geführt hat. Während die schlafenden Seelen sprechen, kommentiert Ahriman ihre Worte und Strader wird klar, in welchen Graden sie Ahriman verfallen sind. Ahriman setzt noch hinzu: „Von zwölfen brauch' ich sieben stets für mich und gebe fünf dem Bruder Luzifer.“ Doch das ist nicht die ganze Wahrheit, denn während er Strader die Ohren zuhält, muss Ahriman bekennen:

Bis jetzt ist mir ja nichts davon gelungen,
Die Erde wollte sich mir nicht ergeben.
Doch will ich streben durch die Ewigkeiten,
Bis mir der Sieg - vielleicht gelingen wird.

Dass Ahriman, wie dieser sagt, den Menschen Stärke gibt, ohne die sie sich im Erdensein verlieren müssten, muss Strader zugeben, doch erkennt er zugleich, dass es Wahrheit nur hier ist und Irrtum wird für die Erdenwelt. Hier gilt kein Menschendenken. Bis ins Innerste fühlt Strader den Schmerz in Ahrimans rauhen Worten: „Ich kann, - betracht' ich dich - nur - klagen, weinen.“ Dann geht er schnell ab.

Maria und Thomasius treten auf, beide vollbewusst, so dass sie alles, was vorgeht, hören und bewusst sprechen können. Thomasius spürt die schreckliche Kälte des Ortes und fühlt sich wie zusammengepresst, doch Maria gibt ihm Kraft. Thomasius fühlt, dass er freudlos hier die Seele schauen soll, die zu schauen er so heiß begehrt. Und Ahriman setzt hinzu:

Der Wunsch beglückt nur, wenn die Seelenwärme
Ihn pflegen kann; doch hier erfrieren Wünsche
Und müssen so sich noch in Kälte leben.

Der strenge Hüter muss nun Johannes Thomasius das Licht der Wahrheit bringen. Wieder sieht Thomasius den würdevollen Greis:

Es muß, es darf nur Theodora sein.
O schon erschaffet sich die Wirklichkeit
Aus erst verhülltem Bildesleben - Theo ... ich selbst.

Und mit diesen letzten Worten, die Johannes erschüttert spricht, erscheint sein Doppelgänger: „Erkenne mich - und schaue dich in mir.“ Und mit Donnerrollen hüllt sich die Szene in Finsternis.

Neuntes Bild

Goetheanum 2010 Foto: Jochen Quast
Goetheanum 2010 Foto: Jochen Quast

Eine freundlich-sonnige Morgenlandschaft, im Hintergrunde eine Stadt mit vielen Fabrikgebäuden. Es besprechen sich, in freier Art auf und ab gehend: Benedictus, Capesius, Maria, Thomasius, Strader.

Hier ist der Ort, wo sich Benedictus oft seinen Schülern widmet. Durch Capesius und der andern freie Tat soll sich „ein Knoten künftig lösen aus den Fäden, die Karma spinnt im Menschen-Erdenwerden.“ Thomasius und Strader vermögen, vereint mit Capesius, in Zukunft viel zu schaffen, um das Menschenheil im rechten Sinn zu fördern. Capesius fühlt, wie sich ihm wahren Lebensziele erschließen.

Im Gespräch mit Benedictus schildert Strader seine Erlebnisse im Reich Ahrimans, an die er sich nun, aus dumpfem Schmerz erwachend, erinnert und wie er von Ahriman erfahren konnte, dass alles Denken dort zum Stillstand kommt. Erkannt hat Strader auch, dass die zwölf Menschen, die zu dem Mystenbund gestoßen sind, ihm karmisch durch das frühere Erdenleben verbunden sind und dass Ahriman dieses Band benutzen will, um sie auch für weitere Leben an ihn zu binden. Nach Maß und Zahl der kosmischen Ordnung wollte Ahriman ihre Seelenart an die Straders binden, um die Früchte seiner Arbeit für sich zu gewinnen, ergänzt Benedictus. Und Strader setzt hinzu:

Da ich den Sinn von Zahl und Maß erkannt,
So wird mir auch gelingen, meine Leistung
Aus Ahrimans Bereich herauszuführen
Und Erdengöttern wirksam darzubringen.

Während die beiden abgehen, kommen von der anderen Seite Maria und Johannes. Dass sich der Mensch nicht aus Eigenliebe in schwärmenden Gedanken verlieren darf, die sich als Wissensdurst gebärden wollen und doch nur traumhaft im Leibe leben, hat Johannes erkannt. Und Maria fügt hinzu, dass sich nur der dem Menschenwerden wirksam widmen kann, der sich den Mächten anvertraut, die Maß und Zahl in Ordnung und in Wirrnis bringen. Als Zweiheit fühlt Johannes sein Wesen nun. In einem Teil sieht er sich durch Marias und Benedictus Hilfe ganz fest und sicher auf sich selbst gestellt. Was er in diesem Teil sich geistig errungen hat, darf er willig andern reichen. Doch darf in diesen Menschen nichts vom andern sich störend mischen, der am Anfang erst der wahren Selbsterkenntnis sich erahnt und erst in Zukunft durch eigene Kraft und mit Marias und Benedictus Hilfe sein Ziel erreichen wird.

Zehntes Bild

Der Tempel des im ersten und zweiten Bilde aufgetretenen Mystenbundes. Es stehen zuerst im Osten Benedictus und Hilarius, im Süden Bellicosus und Torquatus, im Westen Trautmann; dann treten ein Thomasius, Capesius, Strader, dann Maria, Felix Balde, Frau Balde, ferner die Seele Theodoras und zuletzt die vier Seelenkräfte.

Benedictus Geistesschüler sollen, was sie sich errungen haben, ein jeder für den andern fruchtbar machen. Dies kann nur geschehen, wenn ihre Kräfte sich am Weiheort, nach Maß und Zahl geordnet, zu höherer Einheit verbinden. Von nun an sollen sie die Aufgaben von Benedictus Tempelbrüdern übernehmen und so Neues zu dem Alten fügen, während jene zu höherem Wirken aufsteigen.

Nun treten Thomasius, Capesius, Maria, Felix Balde, Frau Balde und Strader auf ein Klopfen des Hilarius in den Tempel. Trautmann und Torquatus  führen die Eintretenden so, daß Thomasius vor Benedictus und Hilarius, Capesius vor Bellicosus und Torquatus, Strader vor Trautmann, Maria mit Felix und Frau Balde in der Tempelmitte zu stehen kommen.

Thomasius ist sich bewusst, dass er noch fern von höchsten Seelenzielen ist, doch durch den zweiten Menschen, den er mit Benedictus und Marias Hilfe in sich entwickelt hat, will er in Demut die ihm übertragene Aufgabe übernehmen.

Weil er bewusst vor Luzifers Thron gestanden hat und sein notwendiges Wirken jenseits von Gut und Böse schauen konnte, wird auch Capesius als reif befunden, seine Aufgabe im Tempel zu übernehmen.

Maria soll ihre Kräfte gemeinsam mit den beiden anderen vereinen „mit allem, was nach Weltgesetzen hier in edler Dreiheit sich dem Geiste weihet.“ Sie weiß, dass der Mensch die Schönheit Luzifers erschauen soll, doch niemals darf er seiner Macht verfallen, so dass er ihm im Innern wirken kann; nur mit der Kraft des Christus darf sich der Mensch auch ganz im Innersten durchdringen und so der Erde Liebeziel erreichen, das aus den Worten spricht: „Nicht ich, der Christus lebt in meinem Sein.“ So wird sich auch der Schicksalsknoten lösen, in den sie sich verstrickte, weil sie Capesius und Thomasius im früheren Erdenleben als Vater und Sohn einander entzweite.

Die Zeichen der Zeit verkünden deutlich, dass alle geistigen Wege sich vereinen sollen. Und so muss sich der Tempel auch mit jenen Seelen verbinden, die sich, wie Felix und Felica Balde, nicht durch seine Art, sondern auf naturhafte Weise dem Geiste nahen.

Strader kann dem Tempel durch seine Erlebnisse im Reich Ahrimans dienen. Er hat erfahren, dass das Denken nie sich selbst ergründen könnte, wenn Ahriman ihm nicht entgegenstünde. Doch durfte er auch durch volle sieben Jahre sich mit dem Geisteslicht Theodoras durchdringen, die nun als Geistwesen an seiner Seite sichtbar wird.

Zuletzt erscheinen Philia, Astrid, Luna und die andre Philia in einer glimmenden Lichtwolke um das hier Errungene mit dem Kosmos zu verweben.