Unsere Inszenierung

Humor und Temperament

Der "Weltenhumor"
Der "Weltenhumor"

Ohne Temperament und Humor kann kein Schauspiel gelingen, schon gar nicht, wenn es sich um ein ernstes Thema handelt. Mit einem "langen Gesicht bis ans Bauch", wie Steiner oftmals ironisch sagte, ist in der Kunst nichts zu erreichen. "Und wahrhaftig, es ist nötig, gerade wenn man in die Tiefen der geistigen Wissenschaft hineingeht, daß man den Humor nicht verlernt, daß man mit anderen Worten sich nicht ständig verpflichtet fühlt, das tragisch verlängerte Gesicht nur zu tragen." (Lit.: GA 169, S 125) Die Angst, vielleicht etwas falsch zu machen, darf niemand während der Probenarbeit lähmen, sonst wird alles steif und leblos, höchstens lehrhaft, aber niemals echt und überzeugend. Wenn man dem Werk gerecht werden will, muss man, bei aller Ehrfurcht und Ernsthaftigkeit im Herzen, die Dinge völlig ungeniert, ja geradezu respektlos, mit kindlich spielerischer Freude anpacken, dann erst kommt der schöpferische Prozess in Bewegung. Eine Rolle will geboren werden – und Neugeborene sind nun einmal anfangs noch recht unbeholfen und später wohl auch ein wenig frech und rebellisch. Und wenn derart anfangs auch manches misslingt – und das wird meist so sein – ist es wohltuend und befreiend, wenn man auch, gemeinsam mit den Kollegen, herzlich über sich selbst lachen kann. Das schafft zugleich, wenn es natürlich frei von jeder hämischen Schadenfreude bleibt, jene gelöste, vertraulich heitere seelische Atmosphäre, in der erst der Gemeinschaftsgeist des Ensembles reifen kann.  Das Werk - jedes - muss man ernst nehmen, sich selbst in seiner Fehlbarkeit nicht immer gar so sehr. Und gerade am scharfen Kontrast der oft sehr amüsanten Fehler, die einem passieren, lernt man am besten und schnellsten den rechten Weg zu finden. Steiner, der selbst ein äußerst humorvoller Mensch war und auch vor deftigeren Scherzen nicht zurückschreckte, wusste das genau:

Das Genie (Karikatur von Rudolf Steiner)
Das Genie (Karikatur von Rudolf Steiner)

"Und das ist es, meine lieben Freunde, was zur Kunst, insofern der Mensch diese Kunst ausüben soll, überhaupt gehört, und was man wissen muß, daß es dazu gehört: Temperament. Meinetwillen kann einer mystische Bücher temperamentlos schreiben. Wenn sie jemand gefallen, nun ja, gut; man sieht ja den nicht, der da schreibt. Aber an denjenigen Künsten, wo der Mensch sich selber herausstellt, gehört zur Kunst Temperament, und das gesteigerte Temperament, der Humor. Da können dann die Dinge beginnen, esoterisch zu werden." (Lit.: GA 282, S 221f)

Jedenfalls sollte man niemals in das verfallen, was Rudolf Steiner gelegentlich «das Esoterikspielen» genannt hat:

"Esoterik ist wirklich sowohl gegenüber der eigenen Seele, wie gegenüber dem Menschen und gegenüber unserer Zeit eine außerordentlich ernste Sache. Damit sage ich nicht, daß der Ernst dadurch zustande kommt, daß man ein langes Gesicht macht und möglichst sentimental ist und wichtig tut, sondern es muß der innere Ernst, der sogar mit ganz gutem Humor vereinbar ist, vorhanden sein. Es darf zum Beispiel nicht der Usus herrschen: Ich weiß etwas, das kann ich dir aber nicht sagen, weil du noch nicht reif bist dazu. - Und nun erregt man die sonderbarsten Gefühle dadurch. Vor allen Dingen macht man sich ungeheuer wichtig, und man merkt es nicht, daß man sich wichtig macht." (Lit.: GA 260a, S 124f)

Und nicht zufällig, sondern einer inneren künstlerischen Notwendigkeit folgend, thront ganz oben an der Spitze der von Rudolf Steiner geschaffenen monumentalen Holzplastik des Menschheitsrepräsentanten, spöttisch herabblickend, der "Weltenhumor", von dem Steiner sagt:

"Dieses Hinunterschauen mit Humor über den Felsen hat seinen guten Grund. Es ist durchaus nicht richtig, sich in die höheren Welten nur mit einer bloßen Sentimentalität erheben zu wollen. Will man sich richtig in die höheren Welten hinaufarbeiten, so muß man es nicht bloß mit Sentimentalität tun. Diese Sentimentalität hat immer einen Beigeschmack von Egoismus. Sie werden sehen, daß ich oftmals, wenn die höchsten geistigsten Zusammenhänge erörtert werden sollen, in die Betrachtung etwas hineinmische, was nicht herausbringen soll aus der Stimmung, sondern nur die egoistische Sentimentalität der Stimmung vertreiben soll. Erst dann werden sich die Menschen wahrhaftig zum Geistigen erheben, wenn sie es nicht erfassen wollen mit egoistischer Sentimentalität, sondern sich in Reinheit der Seele, die niemals ohne Humor sein kann, in dieses geistige Gebiet hineinbegeben können." (Lit.: GA 181/III, S 43ff)

Link: Physiognomisches - Karikaturen von Rudolf Steiner