Unsere Inszenierung

Interview

Strader, Capesius und die andre Maria in der Seelenwelt (4. Bild)
Strader, Capesius und die andre Maria (4. Bild)

Das Mysteriendrama „Die Pforte der Einweihung“

wurde bisher zweimal aufgeführt, am 25. September 2010 im Musischen Zentrum Wien und am 2. Oktober 2010 in der Rudolf Steiner-Schule Wien-Mauer 

Interview: Norbert Liszt, Fotos: Wolfgang Peter

Im August 2010 waren es 100 Jahre, seit Rudolf Steiner mit seinem ersten Mysteriendrama nicht nur einen zukunftsweisenden künstle­rischen Impuls für das Mysterienwesen, sondern zur Neubelebung der Theaterwelt überhaupt gegeben hat. Es ist sehr empfehlenswert, sich dieses Stück anzusehen, es ist berührend und doch freilassend.

Wolfgang, was hat Dich dazu bewogen das erste Mysteriendrama Rudolf Steiners „Die Pforte der Einweihung“ hier in Wien zu erarbeiten und aufzuführen?

Seit bald 30 Jahren beschäftige ich mich aktiv mit Anthroposophie, Sprachgestaltung und Schauspiel, habe auch mehrmals die Dramen Steiners gelesen – und hatte doch nie daran gedacht, sie für die Bühne zu inszenieren. Mir erschien das als viel zu schwierig, schwieriger noch als Goethes „Faust“, den wir seit 10 Jahren regelmäßig spielen. Anfang 2007 lud mich dann Wolfgang Schaffer ein, an einem Lesekreis zur „Pforte der Einweihung“ teilzunehmen – und damit kamen die Dinge ins Rollen. Bald wurde klar, dass es mit dem bloßen Lesen nicht getan ist, dass man sich dem Stück nur nähern kann, wenn man zur lebendigen szenischen Darstellung übergeht. Nach ersten szenischen Lesungen in Kraljevec und Salzburg reifte schließlich der Entschluss, das ganze Drama auf die Bühne zu bringen.

Was ist das Besondere und Neue an den Dramen Rudolf Steiners und was unterscheidet sie von anderen Theaterstücken?

Steiner hat einen neuen Impuls für die Theaterwelt gegeben, indem er erstmals die wahren Triebkräfte des Schicksalsgeschehens, die seit der Antike den Kern der tragischen Dichtung bilden, offen und konsequent auf schicksalhafte Verwicklungen in früheren Erdenleben zurückführt. Das ist aber nur die Außenseite. Noch viel erstaunlicher ist die ungeheure Lebenskraft, die von dem Text ausgeht, wenn man ehrlich mit ihm arbeitet. Er stößt eine innere Entwicklung an, wie ich das noch bei keinem anderen Stück auch nur annähernd erlebt habe. Etwas davon wirkt natürlich auch auf das Publikum. Man bleibt dabei aber trotzdem ganz frei und wird nicht in eine bestimmte Richtung gezwungen. Man gewinnt eine neue geistige Kraftquelle, über die man frei verfügen kann.

Wie hast Du das Stück mit den Schauspielern erarbeitet? Ich denke, dass man als Regisseur und Schauspieler eine besondere Seelenstimmung braucht, um diesem  Theaterstück gerecht zu werden.

Weit mehr noch als bei anderen Stücken, muss es einem ein echtes Herzensanliegen sein. Der Intellekt sollte anfangs schweigen. Man braucht kein Vorwissen, keine anthroposophische Vorbildung, aber eine ganz offene, unbefangene Seelenstimmung – und vor allem auch Temperament und Humor, sie machen die Seele beweglich und empfänglich: „Da können dann die Dinge beginnen, esoterisch zu werden“, wie Steiner sagt. So entstand auch nach und nach ein echter Gemeinschaftsgeist im Ensemble. Und nur dadurch konnten wir etwas von den Inspirationen einfangen, die der Text vermittelt. Regelmäßige Sprachgestaltungsübungen halfen uns dabei, die Sprache tiefer und bewusster zu erleben und zu formen. Ein fertiges Regiekonzept gab es nicht, wir ließen uns überraschen, was der Text in uns bewirkt. Wir mussten ihn nur im Sprechen und im gemeinsamen Spiel in lebendige Bewegung bringen und dann erwies er sich selbst als wirksam gestaltende Kraft. Jeder musste dabei seinen individuellen Zugang zur Rolle finden. Der Regisseur ist da nur Geburtshelfer für das Werdende, das im spielerisch-schöpferischen Tun herein will. Dann, wenn einmal die Gestaltung da ist, beginnt man das Drama auch immer besser zu verstehen. Da wird dann auch der Intellekt befriedigt.

Mich persönlich hat die Aufführung sehr berührt. Das haben auch andere empfunden. Ich fand, die Personen haben sehr gefühlsbetont agiert, was die Wiener Seele sehr angesprochen hat. Müsste man das Drama in anderen Gebieten anders anlegen?

Unsere Darstellung ist aus der „Wiener Seele“ geboren – im weitesten Sinn genommen, denn in unserem Ensemble sind ja nicht nur gebürtige Wiener. Das spricht sehr unmittelbar das menschliche Gemüt an und passt ja gut, weil Steiner selbst in diesem Seelenmilieu aufgewachsen ist und viele Impulse daraus geschöpft hat. An anderen Orten bringt man andere Seelenqualitäten mit und muss entsprechend anders gestalten. Und das gilt nicht nur für den Ort, sondern auch für die Zeit. Zu Steiners Zeiten, vor 100 Jahren, musste man anders spielen als heute. Das Stück spielt immer hier und jetzt – das macht es zum wandelbarsten und modernsten Drama, das man sich nur denken kann. Wir haben darum alle bisherige Aufführungstradition unberücksichtigt gelassen – nicht aus Hochmut, sondern aus innerer Notwendigkeit, weil hier immer alles neu geschöpft werden muss. „Alles was wir brauchen, ist durch den Text selbst gegeben“ – war unser Wahlspruch. Von dem ungeheuren Potential des Stücks konnten wir sicher erst einen kleinen Teil wecken, wir stehen am Anfang eines weiten Entwicklungsweges – aber das Wenige ist ehrlich errungen und berührt wohl deshalb, trotz aller Mängel, das Publikum.

Die in diesem Drama agierenden Menschen stellen dar, dass es unterschiedliche Zugänge zur „Pforte der Einweihung“ gibt. Sie machen deutlich, dass es neben der physisch sinnlichen Welt auch seelische und geistige Welten gibt und dass der Mensch Anteil an diesen Welten hat, sie aber mit seinem Alltagsbewusstsein nicht erfassen kann. Er ist aufgefordert, seine seelischen Fähigkeiten zu schulen, um auch „bewusst“ in diese Welten einzutreten.

Sind diese tiefgreifenden Botschaften des Mysteriendramas, die schon für die Kenner der Weltanschauung Rudolf Steiners schwer verständlich sind, auch für Nicht-Anthroposophen in irgendeiner Form zu erfassen?

Das Thema ist höchst anspruchsvoll und der Text ist im bloßen Lesen nur schwer zu verstehen. Dennoch war es mein Ziel, das Stück so zu inszenieren, dass auch Nicht-Anthroposophen es einigermaßen verstehen und mitempfinden können. Der verborgene Felsentempel steigt überall dort zum Sonnentempel auf, wo sich eine Gemeinschaft von Menschen der zwischen ihnen waltenden Schicksalskräfte bewusst zu werden beginnt – und das geht alle Menschen an. Ich wollte das Drama mitten ins Leben hineinstellen, ohne Pathos, mit schlichter, natürlich wirkender Sprache, möglichst lebendig und durchaus sehr emotional. Geistige Entwicklung bedarf der inneren Seelenruhe, die aber nur durch schwere innere Seelenkämpfe zu erreichen ist. Diese Dramatik sollte sichtbar werden. Das Bühnenbild ist minimalistisch, weil die Menschen selbst den Tempel bilden, von dem wir hier reden. Es geht um den „Anthropos“, der nach der „Sophia“ strebt.

Dennoch war ich erstaunt, wie spannend und zugleich gedankenklar der Text im Zuhören wird, wenn er durch das lebendige Spiel und die spürbar gewordene Seelendramatik unterstützt wird. Das liegt weniger an unseren schauspielerischen Fähigkeiten, als an der künstlerischen Form, die Steiner dem Text gegeben hat. Wir mussten nur die Hindernisse wegräumen, damit das auch herauskommt. Nicht-Anthroposophen im Publikum haben mir dann auch bestätigt, dass sie dem Stück gut folgen konnten und stark davon berührt waren – wenn auch da und dort mit dem Nachsatz: „Ich halte es doch mehr mit Estella, die der Anthroposophie skeptisch gegenübersteht!“ Aber das macht ja nichts; das Stück ist eben freilassend, will nur Verborgenes sichtbar machen, und agitiert nicht suggestiv für die Anthroposophie.

Regiebesprechung während der Probenarbeit zu "Die Pforte der Einweihung"
Regiebesprechung während der Probenarbeit zu "Die Pforte der Einweihung"