Die Prüfung der Seele

Zweites Bild

Ein Meditationszimmer in violettem Grundton. Ernste, doch nicht düstere Stimmung. (BENEDICTUS, MARIA, dann Geistgestalten, die SEELENKRÄFTE darstellen.)

Auch Maria drängen schwere Seelenkämpfe. Gedanken steigen in ihr auf, die ihr wie Frevel scheinen:

„Du mußt Johannes von dir trennen;
du darfst ihn halten nicht an deiner Seite,
willst Unheil an seiner Seele du vermeiden.
Er muß allein die Bahnen wandeln,
die ihn zu seinen Zielen führen.“

Doch diese Gedanken sind kein Wahn, kein Frevel, sondern entspringen aus einer geistigen Entwicklungsnotwendigkeit, wie ihr Benedictus eröffnet.

Zu Johannes’ Heil ward er
Durch lange Zeiten dir vereint;
Doch fordert seiner Seele weitre Bahn,
daß er in Freiheit sich die eignen Ziele suche.
Es spricht der Schicksalswille
Von äußrer Freundschaftstrennung nicht;
Doch fordert er mit aller Strenge
Johannes’ freie Tat im Geistgebiet.

Und nach einer Pause tiefer Selbstbesinnung wird Maria klar, dass auch ihre weitere geistige Entwicklung daran hängt und dass es doch nur eine verfeinerte Art des Selbstgenusses und der eitlen Überhebung war, was sie als Seligkeit empfand, wenn sie ihre Geisteskräfte in Johannes Seele gießen konnte, dass sie im Freunde nur sich selbst bespiegelte. Diese schwer errungene Erkenntnis ruft die Gestalten der drei Seelenkräfte Philia, Astrid und Luna herbei. Sie sollen ihr das eigene Seelensein nun aus Weltenfernen spiegeln; und dann, so empfindet Maria mit Recht, wird sie sich auch erkennend aus dem engen Lebenskreis der gegenwärtigen Inkarnation lösen können und schauen, was sie sich als Pflichten aus früheren Erdenleben auferlegt hat.