Die Prüfung der Seele

Drittes Bild

Zimmer in rosenrotem Grundton, freundliche Stimmung. (JOHANNES vor einer Staffelei; MARIA, später eintretend, dann Geistgestalten als SEELENKRÄFTE.)

Bedrückt steht Johannes vor dem Bild, an dem er gerade arbeitet. Maria hatte es mit keinem Wort kommentiert und doch liegt ihm an ihrem Urteil unendlich viel. Ohne ihre geistigen Impulse fühlt er seine ganze Schaffenskraft erlahmen. Impulse fühlt er seine ganze Schaffenskraft erlahmen. Grübelnd versucht er sich der Quellen seines künstlerischen Schaffens bewusst zu werden:

Wie kann man webend Geistessein,
das allem Sinnenschein entrückt,
sich nur dem Seheraug’ erschließt,
mit Mitteln offenbaren,
die doch dem Sinnenreich gehören.
So fragt’ ich mich recht oft.
Wenn ich jedoch verbanne Eigenwesen,
und nach der Geisteslehre Sinn
zu schaffenden Weltenmächten
in Seligkeit entrückt mich fühlen darf,
erwacht in mir der Glaube
an solche Kunst, die mystisch wahr
wie unsre Geistesforschung ist.
Ich lernte mit dem Lichte leben
und in der Farbe des Lichtes Tat erkennen,
wie echter Mystik wahre Schüler
im Reich des form– und farbenlosen Lebens
die Geistestaten und das Seelensein erschauen.
Vertrauend solchem Geisteslicht,
erwarb ich mir die Fähigkeit,
zu fühlen mit dem flutenden Lichtesmeere,
zu leben mit den strömenden Farbengluten;
erahnend waltende Geistesmächte
im stoffentrückten Lichtesweben,
im geisterfüllten Farbenwesen.

Kaum wird Johannes der Freundin gewahr als sie hereintritt und wie erschüttern ihn die Worte, die spricht:

Bedenk’, Johannes, daß die Eine Seele,
getrennt von andern, als ein Eigenwesen
seit Weltbeginn sich selbst entfalten muß.
Die Liebe soll getrennte Wesen binden,
doch nicht die Eigenheiten töten wollen.
Es ist der Augenblick für uns gekommen,
in welchen wir die Seelen prüfen müssen,
wie sie des Geistespfades weitre Schritte
zu einer jeden Heil zu lenken haben.

Maria geht ab und Luna, Astrid und die andre Philia erscheinen seinem Seelenblick: Luna mahnt:

Du kannst dich selbst nicht finden
Im Spiegel einer andern Seele.
Die Kraft des eignen Wesens,
sie muß im Weltengrunde Wurzeln schlagen,
wenn sie aus Geisteshöhn
die Schönheit in Erdentiefen
mit echtem Sinn verpflanzen will.

Und Astrid setzt hinzu:

Du sollst auf deinen Weltenwegen
Dich nicht verlieren wollen;
Zu Sonnenfernen dringen Menschen nicht,
die sich des Eigenseins berauben wollen.

Nur die andre Philia widerstrebt; Johannes solle sich durch die Seelenschwestern nicht in ferne Weltenweiten führen lassen, die ihm die Erdennähe und Erdenliebe rauben werden.