Die Prüfung der Seele

Viertes Bild

Dasselbe Zimmer wie im ersten Bild. (CAPESIUS und STRADER.)

Capesius wird von Doktor Strader besucht und kaum vermag er den alten Freund wiederzuerkennen. Dem spekulativen abstrakten Erkenntnisstreben, das einst so in ihm brannte, hat Strader den Rücken gekehrt. Die Erlebnisse mit der Seherin Theodora im ersten Mysteriendrama haben ihm klar vor Augen geführt, dass bloßes Gedankenspinnen niemals zu den echten Lebensquellen führt. Dem Menschen sind, so meint Strader, Erkenntnisgrenzen gesetzt, vor denen er resignieren müsse. Besser solle er durch fruchtbare Taten mit Erfindergeist in das Erdenleben eingreifen. Und so steht Strader nun einer Werkstatt vor, in der man Schrauben walzt. Eines aber ist Strader klar geworden auch ohne tiefere geistige Erkenntnis, nämlich die Wahrheit von der Wiederkehr des Erdenlebens:

Und hundertmal wohl fragt’ ich mich:
Was kann Naturerkenntnis lehren,
wie wir sie jetzt schon überschauen können?
– – – Es gibt da kein Entweichen – – –:
Des Erdenlebens Wiederholung,
die kann und darf kein Denken leugnen,
daß nicht mit allem brechen will,
was Forscherfleiß erkannt in langer Zeiten Lauf.

Capesius selbst hätte sich, wie er sagt, viel Leid erspart, hätte er sich früher zu dieser beseligenden Erkenntnis durchringen können. Für Strader selbst jedoch ist diese unausweichliche Gewissheit – und als solche erscheint sie ihm – nur bedrückend. Er kann nur empfinden

wie grausam diese folgenschwere Wahrheit ist.
Sie läßt die Lebensfreuden und das Lebensleid
als Folgen unsres eignen Wesens uns erscheinen.
Und dies ist oft recht schwer zu tragen.

Nach seinem besonderen Schicksalsweg muss Strader wohl so empfinden. Er war nicht jener Leute Kind, die ihn einst zum Mönch bestimmen wollten, sie hatten ihn an Kindes Statt nur angenommen. Seine wahre Herkunft ist ihm unbekannt. So war Strader ein Fremdling schon im Elternhaus und fremd blieb er auch allem, was später ihn umgab. Und wer so unausweichlich zum Weltenfremdling bestimmt sich sieht, der hat, so ist Strader überzeugt, dies Schicksal schon unbewusst gewollt, lang bevor er denkend wollen konnte. Doch der Einblick in diese dumpfe Triebkraft, die sein Schicksal lenkt und hinter der sich sein eigenes wahres Wesen verbirgt, ist ihm verwehrt. Und so scheint ihm nur die resignierende Flucht nach vorn zu bleiben:

Nimm mich ganz hin, du Lebensräderwerk;
ich will nicht wissen, wie du’s treibst.

Capesius jedoch ist fest überzeugt, dass Straders Erkenntnisdrang wieder erwachen werde.