Die Prüfung der Seele

Das Folgende stellt Bilder von Vorgängen aus dem ersten Drittel des vierzehnten Jahrhunderts dar. Der Fortgang wird zeigen, daß in ihnen die Rückschau von Capesius, Thomasius und Maria in ihr früheres Erdenleben zu sehen ist.

Sechstes Bild

Eine Waldwiese. Im Hintergrunde hohe Felsen, auf denen eine Burg steht. Sommerabendstimmung. (BAUERN, der Jude SIMON; der Bergwerksmeister THOMAS, ein MÖNCH.)

Bauern und Bäuerinnen gehen über die Wiese. Die einen schimpfen über den bösen Juden Simon, der aber unter dem Schutz der hohen Herren auf dem Schloss stehe. Andere preisen seine Heilkünste. Wieder andere sehen bei den Rittern des Schlosses nur Teufelskünste walten, die den Lehren der Kirche spotten. Andere sehen von ihnen nur Gutes kommen, das in die Zukunft weist.

Simon ist den Spott der Bauern gewohnt. Er führt ein einsames und ausgegrenztes Leben und fühlt sich darin den Rittern aus der Burg verwandt. Er hadert nicht mit seinem Schicksal, denn dieses hat ihn gelehrt, sich als Naturforscher auf die Kräfte seiner eigenen Seele zu besinnen und die Lehren der Ritter weisen ihn auf die herannahende Zeit, wo der Mensch die Sinneswelt erobern und ihre Kräfte entfalten wird.

Indessen kommt der Bergwerksmeister Thomas, der in dem Dienst der Ritter, aber ihrem Denken ferne steht, aus dem Wald und begegnet dem Mönch, der als strenger Kirchenmann ein erklärter Feind der ketzerischen Ritter ist. Thomas erzählt ihm, dem er so innig vertraut, von seinem Glück und Leid, von seiner geplanten Hochzeit mit der Tochter des Bergaufsehers und von seinem Vater, der die Familie verlassen hatte als er noch ganz klein war und wie er ihn dennoch immer gerne wiederfinden wollte, wenn er auch bitteres Leid über die Familie gebracht hatte. Denn die Mutter war bald aus Gram gestorben und seine damals eben erst geborene Schwester war in die Obhut fremder Leute gekommen und seitdem hatte er jede Spur von ihr verloren. Gestern nun, so fährt Thomas fort, wäre er dienstlich ins Schloss gerufen worden und da hätte sich ganz unvermutet der Ritter, der sein Vorgesetzter ist, schmerzgebeugt als sein Vater zu erkennen gegeben. Alles Leid, das er über die Familie gebracht hat, hätte er ihm da vergeben können – doch dass er ein Gegner des Mönches sei, das habe ihm nun den Vater zum zweiten Mal schmerzlich entrissen. Doch der Mönch versichert ihm:

Ich werde niemals dich entfremden wollen
den Banden, die das Blut dir auferlegt.
Doch was ich deiner Seele geben kann,
soll dir in Liebe stets beschieden sein.