Die Prüfung der Seele

Neuntes Bild

Die Waldwiese wie im sechsten Bild. (JOSEPH KÜHNE, FRAU KÜHNE, deren Tochter BERTA; dann BAUERN, später der MÖNCH; zuletzt CÄCILIA (genannt Cilli), Kühnes Pflegetochter und THOMAS.)

Berta möchte gerne ein Märchen, wie sie oft der Vater von den Rittern nach Hause bringt, aus dem Munde ihrer Mutter hören und so beginnt Frau Kühne das Märchen von dem Guten und dem Bösen zu erzählen:

Es lebte einmal ein Mann, den quälte die Frage nach dem Ursprung des Bösen. Die Welt stamme von Gott und Gott könne nur gut sein - wie also kämen böse Menschen aus dem Guten? Da sah er auf seinen Wegen einen Baum, der war im Gespräch mit einer Axt, die sprach:

„Was dir zu tun nicht möglich ist, ich kann es tun,
ich kann dich fällen, du mich aber nicht.“

Da sagte zu der eitlen Axt der Baum:

„Vor einem Jahre nahm ein Mann ein Holz,
woraus er deinen Stiel verfertigt hat,
durch eine andre Axt aus meinem Leib.“

Da ward dem Mann, wenn er es auch nicht in klare Worte fassen konnte, mit einem Schlag die Rätselfrage gelöst, wie Böses aus dem Guten stammen kann. – Bilder solcher Art sind es, durch welche die Ritter erziehend auf die Menschen wirken.

Bald danach erscheinen die Bauern und Bäuerinnen auf der Wiese und aus ihren Gesprächen wird klar, dass auch die hiesige Ordensburg bald belagert würde. Und wieder wogen die Emotionen für und wider die Ritter. Als sie den Mönch tief in Gedanken versunken erblicken, ziehen sie sich zurück. Früher konnten sie ihm leicht in allem folgen, doch heute war ihnen manches Wort seiner Predigt recht unverständlich.

Thomas hat indessen in Cäcilia seine lang vermisste Schwester wiedergefunden und beide sind glücklich, dass es so gekommen ist. Nur ist Thomas bekümmert, dass Cilli sich so innig den Lehren der ungeliebten Ritter verbunden fühlt. Auch Cilli schaudert vor dem Abgrund, der sie dadurch trennt, doch tröstet sie sich mit dem Gedanken, dass Liebe stets sich siegend zeigen muss.